Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 

 

 

R. Reimann


Ex oriente lux: Warum Victor Klemperer den Osten dem Westen vorzog

Eine Sicht auf Briefe von und an Victor Klemperer ab Mai 1945

In memoriam Jürgen Papenbrock

 

Gegenüber von Klemperers Schreibtisch im Hallenser Direktorenzimmer hängt ein Stalin-Bild. Klemperer reflektiert darüber in einem Brief an Eugen Lerch vom 2. Juli 1950 und bemerkt in diesem Zusammenhang: "Stalin hat schon 1913 eine für den Philologen höchst interessante Schrift über Nation und Marxismus veröffentlicht, und vor wenigen Wochen hat er einen prachtvoll klaren und nicht im geringsten engen Aufsatz über Sprachwissenschaft geschrieben [...]. Mir fiel wieder das entzückende Wort von Barbusse ein: 'jeder wirkliche Wissenschaftler ist Marxist - - er weiss es nur manchmal nicht'. Stalin weiss es natürlich."[1] Knapp fünf Jahre zuvor hatte Klemperer im Tagebuch festgehalten: "Am späten Abend ergriffen mich beim Excerpieren die Europaverse von Bade. 'Alles ist einfach im Glanz der Schwerter.' Und auf dem Albertplatz das Bild des 'Marschalls Stalin' – es könnte auch Hermann Göring sein. Und der Europadichter war sicher genau so gläubig und aufrichtig begeistert, wie es heute etliche Antifascisten sind. Und 65 von 70 Millionen glauben genau das, was man ihnen sagt, und weitere 4 ½ Millionen fügen sich gleichgültig, skeptisch, resigniert in alles, heute so und morgen so. Und wer die halbe Million ist, unter der ein Dutzend zur Herrschaft kommen, und wer das Dutzend ist – das weiß nur – wer, wer? Das ganze Reden von Umlernen, Bessermachen, Demokratie etc. etc. ein Schwindel, bestenfalls ein Selbstbetrug."[2]

War Klemperer 1945 klarerdenkend als 1950? Hatte er sich gleichgültig, skeptisch oder gar resigniert gefügt in die Gegebenheiten?

Zunächst wird einzuwenden sein, daß das Lob Stalins einem Brief an Lerch entnommen ist, der alles andere ist als ein Marxist, und dem Klemperer unverhüllt mitteilt, wer kein Marxist sei, der sei kein Wissenschaftler.

Lerch und Klemperer sind Antipoden, nicht nur, weil Lerch Sprach-, Klemperer Literaturwissenschaftler ist. Das nie gänzlich spannungsfreie Verhältnis beider zueinander[3] hat seinen Ursprung wohl im Übervater Vossler, bei dem sich beide 1914 habilitierten. Ein gemeinsames Editionsprojekt Mitte der 20er Jahre ist nicht von langer Dauer. Klemperer schreibt Lerch am 25. Juni 1928 einen pathetischen Abschiedsbrief und zieht seine Mitarbeit am Jahrbuch Idealistische Philologie  zurück, weil Lerch dort in einem Aufsatz von Klemperer Korrekturen angebracht hatte, ohne diesen davon in Kenntnis gesetzt zu haben.[4]

Zwischen 1935 und 1945 verlieren beide einander aus den Augen.[5] Lerch war kurz nach Klemperer seines Amtes enthoben worden, weil er ein Verhältnis mit einer Jüdin hatte und denunziert wurde.[6] Ende Juni 1946 sucht Lerch neuen Kontakt zu Klemperer.[7]

Bis Juli 1949 ist der Ton der Briefe zwischen Klemperer und Lerch durchweg freundschaftlich, obwohl das "Du" ausbleibt.

Offenbar beginnt Klemperer mit Polemik. In dem bereits zitierten Brief vom 2. Juli 1950 lehnt er eine von Lerch vorgeschlagene gemeinsame Publikation mit folgender Begründung ab: "Die Baudelaire, Mallarmé, Valéry, für die man sich bei Ihnen noch begeistert, haben mir immer ein bisschen nach Verwesung gerochen, und jetzt riechen sie mir nicht einmal mehr, sie sind zu Staub zerfallen. La France qui vient [,] notre alliée de demain, sieht anders aus." Klemperer schließt: "Ich empfinde die Trennung zwischen Ost und West als ein grosses Unglück, und sicherlich sind Sie und ich uns in dem Wunsche einig, dass sie endlich einmal ein Ende nehme, und dass dieses Ende ohne neue Katastrophe und auf friedliche Weise zustande komme. Der Gruss der freien deutschen Jugend, deren Nadel ich mit 68 Jahren trage, heisst: 'Freundschaft' Ihr Victor Klemperer".[8]

In seinem Antwortbrief vom 18. März 1951 schildert Lerch zunächst seine Arbeitsvorhaben, die ihm über den Kopf zu wachsen drohen, und fährt dann fort: "Sie haben's gut: ¾ der westlichen Literatur existieren für Sie nicht mehr (soweit sie nicht die Verderbtheit der Bourgeoisie schildern)." Weiter unten: "Es freut mich sehr, lieber Klemperer, daß Sie in Rütten & Loening einen Verleger gefunden haben. Nur beschwöre ich Sie: lassen Sie die Politik und machen Sie Ihr 18ème fertig! Die Politiker, gleichviel welcher couleur, beschäftigen sich doch nur mit Abstraktionen statt mit Menschen; es ist ein inferiorer Schlag. Und die Politik frißt ihre eigenen Kinder (besonders die P., die Sie machen)."[9]

Hier wird von zwei großen alten Männern ein Ost-West-Konflikt ausgetragen; Lerchs Vorbehalte gegen Klemperers politisches Engagement und gegen Politiker schlechthin sind zu verstehen, aber auch Klemperers Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung wird bei einem Blick auf seinen Lebensweg verständlich.

Permanent hat der junge Klemperer seine erfolgreichen Brüder vor Augen, an die er nicht heranzureichen vermag. Schließlich erhält er 1920 die Professur in Dresden, doch Dresden ist, spätestens seit 1918, finsterste Provinz, in der Romanistik sowieso. In Dresden hält Klemperer seine Kollegs vor einer Handvoll Studenten, schreibt jedoch zugleich die modernste französische Literaturgeschichte, die es bis dahin in Deutschland gibt, und stößt damit bei der Fachwelt auf eher negative denn positive Resonanz. Diese Literaturgeschichte ist die einzige Möglichkeit, die der nach Dresden abgeschobene Außenseiter Victor Klemperer hat, um im Gespräch zu bleiben. Er schmort seit 1920 im eigenen Philologensaft. Ihm steht allerdings die Sächsische Landesbibliothek zur Verfügung, und die birgt, gerade was das siècle des lumières angeht, reiche Schätze. Nichts lag also näher, als den mit Montesquieu eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

1934 hat er noch etwas anderes geschafft. Gemeinsam mit seiner Frau Eva bezieht er am 1. Oktober ein Haus in der Gemeinde Dölzschen, die unweit von Dresden über dem Elbtal gelegen ist. Dieses Haus ist durchaus als Statussymbol zu verstehen.

Die Tatsache, daß Klemperer das Exil nur halbherzig in Erwägung zog, hing auch mit diesem Haus zusammen. Hauptsächlich aber unterschätzten er und Eva die Gefahr. Der Naziterror gegen die Juden vollzog sich nicht abrupt, sondern steigerte sich kontinuierlich. Eine Beschränkung folgte auf die andere. Auch dies ist Klemperers Tagebüchern zu entnehmen: 1935 verlor Klemperer seine Professur, 1938 folgte das Verbot der Bibliotheksbenutzung, im Mai 1940 wurden er und seine Frau Eva aus dem Dölzschener Haus vertrieben. Von 1941 an war er gezwungen, den Davidstern zu tragen. Dennoch glaubte er bis zum Schluß der Nazidiktatur an eine Überlebenschance.

Klemperer überlebtete vor allem dank des Mutes seiner Frau Eva, die rückhaltlos zu ihm stand. Das war durchaus nicht die Regel. Es gibt in Klemperers Tagebüchern nicht einen Hinweis, der vermuten ließe, daß Eva eine Trennung auch nur entfernt in Erwägung gezogen hätte. Eva Klemperer ist es auch, die in der Nacht des anglo-amerikanischen Bombenterrors gegen die Zivilbevölkerung der Stadt Dresden ihrem Mann den gelben Stern abreißt. In buchstäblich letzter Minute rettet das Dresdener Inferno Klemperer das Leben.

Nach seiner Flucht nach Bayern und der Rückkehr nach Dresden bekommt er zunächst sein Haus zurück. Seine berufliche und gesellschaftliche Zukunft ist in den ersten Nachkriegsmonaten, wie er selbst schreibt, "schwankend".[10] Die Verhältnisse an der Technischen Hochschule sind ungeklärt – was wird aus der Dresdener Romanistikprofessur, aus der TH Dresden überhaupt, wo Klemperers persönlicher Feind Johannes Kühn in Amt und Würden bleibt, worüber sich Klemperer maßlos empört?[11]

Klemperers Fehde gegen Kühn ist ein klassischer Fall von Projektion. An der Person Johannes Kühn sucht Klemperer unterbewußt ein Gutteil der über 12 Jahre erlittenen Demütigungen zu kompensieren, weil Klemperer Kühn persönlich kannte.[12] Es gab üblere Figuren, die Klemperer in Ruhe ließ. Bereits am 6. März 1947 hatte Lerch an Klemperer geschrieben: "Schürr sitzt stellungslos und mit materiellen Sorgen in Konstanz/Bodensee, Im Weinberg 2. Er war Pg. – aber die viel stärker belasteten Gamillscheg und Kurt Weiss [i. e. Kurt Wais, R. R.] sind in Tübingen untergekommen, er nicht."[13] Ernst Gamillscheg wird in der Festschrift zu Klemperers 75. Geburtstag vertreten sein.[14]

Über Kurt Wais hatte Karl Vossler bereits am 27. Januar 1947 an Klemperer geschrieben. In diesem Brief äußert Vossler sich zunächst anerkennend über Erich Auerbachs Mimesis und fährt dann fort: "Ein Werk, das Sie wohl kennen u als eine infame Literargeschichtsfälschung gewiß verabscheuen, ist die 'Gegenwartsdichtung der europäischen Völker' hgg. von Kurt Wais, Berlin 1939 bei Junker u Dünnhaupt."[15] Klemperer läßt Kurt Wais zeitlebens in Ruhe.

Vom 21. November 1945 an, da Klemperer von seiner Wiederernennung auf die Dresdener Professur erfährt, beginnt nicht nur seine Rehabilitierung, sondern sein kometenhafter Aufstieg, und das im Alter von 64 Jahren. Am 23. November begibt er sich zur Universität, um die Ernennungsurkunde abzuholen. Am gleichen Tag reicht er seinen Antrag zur Aufnahme in die KPD ein. Das Tagebuch weist am 20. November folgende Eintragung auf: "Die Antragsformulare zur Aufnahme in die KPD liegen auf dem Schreibtisch. Bin ich feige, wenn ich nicht eintrete [...]; bin ich feige, wenn ich eintrete? Habe ich zum Eintritt ausschließlich egoistische Gründe? Nein! Wenn ich schon in eine Partei muß, dann ist diese das kleinste Übel. Gegenwärtig zum mindesten. Sie allein drängt wirklich auf radikale Ausschaltung der Nazis. Aber sie setzt neue Unfreiheit an die Stelle der alten! Aber das ist im Augenblick nicht zu vermeiden. – Aber vielleicht setze ich persönlich auf das falsche Pferd? Ganz unbegreiflich ist mir nicht, was so viele Pg.'s sagen: 'bloß in keine Partei mehr! Einmal hereingefallen zu sein, genügt...' Aber ich muß nun wohl Farbe bekennen. – E[va] tendiert zum Eintritt, und ich bin eigentlich dafür entschieden. Aber es kommt mir wie eine Komoedie vor: Genosse Kl.! Wessen Genosse?"[16]

Wenn auch das kleinste, so immerhin ein Übel. Niemand kann in einer Zeit leben und zugleich frei von ihr sein. Klemperers Bekenntnis zur moskautreuen KPD bedeutet nichts anderes, als daß Klemperer die Sowjets, die Sowjetzone, später die DDR als das kleinere Übel ansah, insbesondere gegenüber den Amerikanern, den Westzonen und der späteren BRD. An diesem Bekenntnis hält Klemperer fest. Unmittelbar nach den Ereignissen vom 17. Juni 1953 notiert er in sein Tagebuch: "Ich kann für mich nur wiederholen, was ich damals nach Voßlers Tod in München sagte: Für mich wirken die sowjetischen Panzer als Friedenstauben. Ich werde mich genau so lange sicher in meiner Haut u. Position fühlen, als die sowjetische Herrschaft bei uns währt. Hört sie auf, dann gute Nacht."[17]

Die auf der Potsdamer Konferenz beschlossene Entnazifizierung Deutschlands vollzieht sich, forciert durch die sowjetische Besatzungsmacht und die deutschen Kommunisten, am konsequentesten im Osten, und das empfindet Klemperer als gerecht. Die Zurücknahme der Entnazifizierung durch die westlichen Besatzungsmächte im Jahre 1948, die dazu führt, daß sich ein Großteil der westdeutschen Beamtenschaft in der Verwaltung, in der Jurisprudenz, im Schul- und Hochschulwesen aus alten Nazis rekrutiert,[18] konnte Klemperer ebensowenig gutheißen wie das amerikanische Verbot des Kulturbundes in den Westsektoren im November 1947.[19] Daß der "american way of live" mit seinem impliziten Konsumterror ebensowenig Freiheit bedeutet wie die Diktatur des Parteiapparats, weiß Klemperer von vornherein.

Etwa zeitgleich mit Klemperers Entscheidung für den Eintritt in die KPD legen Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung die gemeinsamen Wurzeln des deutschen Faschismus und der amerikanischen Konsumindustrie bloß. Klemperer, der dieses Buch nie kennengelernt hat und in seinen Tagebüchern in bezug auf die zeitgenössische Philosophie immer wieder ironisch festhält, er verstehe davon nichts, hatte die Gemeinsamkeit zwischen dem deutschen Faschismus und dem Amerikanismus vor seinem Beitritt zur KPD am Phänomen der Gigantomanie scharfsichtig erfaßt: "Es kam ein Rundfunk-Vortrag über Hitler als Architekt. Wesentlichst für LTI: Der Superlativ regiert. Das Heroische. Keine geringste Beziehung zur Gothik [sic!] als Beweis der Undeutschheit. ER klebt die Säulen vorn u. hinten an das ›Haus der Deutschen Kunst‹, München: es muß ein Tempel sein, der Tempel muß Säulen haben. Die Galerie der Reichskanzlei muß um einige Meter länger sein als die im Versailler Schloß, die für [das] Berliner Stadion geplante Reitergruppe muß 18 m hoch werden. Superlativ u. ›Rekord, Rekord, Rekord!‹ (Also Amerikanismus)".[20]

Victor Klemperer hat überhaupt keine Veranlassung, ins westdeutsche Exil zu gehen. Die Chance auf einen Neubeginn bieten ihm die sowjetische Besatzungsmacht und die deutschen Kommunisten. Die Westalliierten rufen nicht nach Victor Klemperer, ebensowenig wie nach Leo Spitzer, Erich Auerbach und zahlreichen anderen jüdischen Verfolgten und Vertriebenen, mit denen eine wirkliche Erneuerung der Hochschulen und Universitäten in Westdeutschland hätte bewerkstelligt werden können. Nur zwei westdeutsche Kollegen interessieren sich für Klemperers Schicksal: Karl Vossler und Eugen Lerch. Beide sind ohne nennenswerten Einfluß im Westen, wo ganz schnell begriffen wird, daß Machtzynismus durch Machtzynismus austauschbar ist.

Nicht alle Romanistik-Professoren, die zwischen 1933 und 1945 an deutschen Universitäten Vorlesungen hielten, waren stramme Nazis. Dennoch ist es erschreckend, daß keiner dieser Professoren sich je bei Klemperer entschuldigt hat, beispielsweise für die Verbrechen der Deutschen an den jüdischen Mitbürgern im allgemeinen, am jüdischen Mitbürger und Kollegen Victor Klemperer im besonderen. Vossler, Lerch, Spitzer und Auerbach schreiben Briefe an Klemperer, und der Rest der deutschen Romanistik ist Schweigen. Den Luxus von Scham oder Mitleid leisten sich die Romanistik-Professoren des untergegangenen Tausendjährigen Reichs in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht. Neue Pfründe stehen in Aussicht, von denen Klemperer, Spitzer und Auerbach als unliebsame Konkurrenten ferngehalten werden.

Die Dresdener Professur ist zunächst ein Fundament, auf dem sich aufbauen läßt. 1947 bewirbt sich Klemperer um die Greifswalder Professur, aber auch das bedeutendere Katheder in Leipzig ist nach dem nicht ganz freiwilligen Wechsel Eduard von Jans nach Jena vakant.[21] Karl Vossler rät Klemperer in diesem Zusammenhang: "Nach Greifswald würde ich an Ihrer Stelle nicht gehn. Viel lieber möchte ich Sie in Leipzig sehn."[22] Nachdem Werner Krauss das Leipziger Ordinariat bekommen und Klemperer den Ruf nach Greifswald angenommen hat, schreibt Vossler am 16. September 1947 an Klemperer: "Meinen lieben Freund und Schüler Werner Krauss muss ich Ihnen nun ganz besonders ans Herz legen. Er ist ein hochbegabter, seelisch aber schwer gefährdeter Mensch. [...] Ob er das nötige Gleichgewicht besitzt um einem Ordinariat vorzustehen, weiß ich freilich nicht. Für die Sache der Romanistik, wäre es mir lieber gewesen, wenn man Ihnen dieses Ordinariat anvertraut hätte."[23]

1947 erscheint LTI in der Sowjetischen Besatzungszone. Klemperer schickt das Buch an Vossler, der am 16. 10. 1948 antwortet: "Mein lieber Freund Klemperer, seit einigen Tagen habe ich nun die Lektüre Ihres Werkes beendigt. [...] Es ist in der Tat ein ausgezeichnetes und verdienstvolles Werk. Sie haben der deutschen Schmach und Gemeinheit ein dauerndes Denkmal errichtet, wie es sich endlich einmal gehörte. Merkwürdig ist nur, daß Ihr Buch in unserer Gegend u. d. heißt in unseren Zeitschriften totgeschwiegen wird. Ich bin der Sache jetzt nachgegangen und habe feststellen können, daß die bayerische Staatsbibliothek noch heute kein Exemplar besitzt und auf meine Vorwürfe hin wurde mir geantwortet, daß das Buch zwar bestellt, aber vergriffen sei. Unsre Staatsbibliothek ist ein schläfriger Organismus, daß es mich nicht wundern sollte, wenn sie auch in den nächsten zehn Jahren noch kein Exemplar aufgetrieben haben sollte. Ich werde aber diesen Beamten keine Ruhe lassen. Auch in unseren Buchläden wird mir versichert, sei das Buch nicht zu sehen. Ich kann das nicht selbst feststellen, weil ich seit vielen Monaten schon an das Bett und an die Stube gefesselt bin. Dadurch ist meine ganze geistige Regsamkeit schwer behindert, und zu eigener Arbeit kann ich mich kaum mehr aufschwingen. Ich frage mich auch: wozu denn in einem solchen Volk. Eigentlich müßte Ihr Buch von einem tüchtigen Romanisten besprochen werden. Bei guter Gesundheit hätte ich das sofort mit dem größten Vergnügen geschrieben. Unter unseren jüngeren Kollegen aber weiß ich keinen, der den Schwung und die Schneid dazu aufbrächte und von den älteren wollen wir lieber garnicht reden. Ich habe von den 5 Monaten meines letzten Rektorates in München her im Jahre 1945 das politische Benehmen meiner Kollegen noch in so erbärmlicher Erinnerung, daß ich mir nichts Gedeihliches mehr zu versprechen wage. Außerdem bin ich jetzt durch Wohnungssorgen in Anspruch genommen, denn der bajuwarische Landtag hat beschlossen, Studenten und Professoren aus diesem für die Studien gestifteten Gebäude zu vertreiben um seine Josef Filsers hier einzurichten. Dies geschieht mit einem verbrecherischen Luxus und einer Verschwendung, als ob wir den Weltkrieg gewonnen hätten. Als man schüchtern auf das Unrecht aufmerksam machte, das hier begangen wurde, antwortete der christlich-klerikale Vorsitzende des Landtages: 'Der Landtag kann kein Unrecht begehen.' Das heißt der Landtag ist ein Tier. Da dieser Mann in stinkenden Ausdrücken und mundartlichen Wendungen zu sprechen pflegt, können Sie seinen Wortschatz nicht einmal für die LTI brauchen. Dies ist so ungefähr das hier herrschende Niveau. – Mit den besten Grüßen und Wünschen Ihr Karl Vossler".[24]

Was Klemperer hier von Vossler erfährt, kann ihn nur in der Richtigkeit seines Entschlusses bestärken, im Osten geblieben und der KPD beigetreten zu sein. Karl Vossler, einer der bedeutendsten deutschen Romanisten der ersten Jahrhunderthälfte,[25] ist isoliert, liegt resigniert im Sterben, ist obendrein der Willkür der bayerischen Bürokratie ausgesetzt, während sich Klemperer in Halle erfolgreich um ein Ehrendoktorat für Vossler bemüht. Die Urkunde kann Klemperer kurz nach Vosslers Tod nur noch unter das Bild des Verstorbenen legen, das Emma Vossler in der Münchener Wohnung aufgestellt hat.

Vosslers letzter Brief an Klemperer ist datiert auf den 02. Februar 1949. Vossler beglückwünscht Klemperer zum Erscheinen der dritten Bearbeitung der Modernen französischen Prosa und sagt dann: "Ich sehe, daß Sie [...] eifrig fortfahren in Ihrer Forschung und wünsche Ihrer Tätigkeit von ganzem Herzen den besten Erfolg in allen Zonen unserer blödsinnigen Welt. – Ihre Neuauflage der modernen französischen Prosa hat, wie ich mit Freuden sehe, keinen sachlichen Schaden erlitten. Leider bin ich noch immer durch meine Krankheit schwer behindert und bringe nur mit größter Mühe eine Kleinigkeit hervor. Jetzt eben bin ich mit einer Neuauflage meiner Poesie der Einsamkeit in Spanien beschäftigt. Im März soll eine große Feier stattfinden: der 80. Geburtstag des trefflichen Menéndez Pidal. Es ist staunenswert, wie dieser Mann sich seine geistigen Kräfte erhält und immer noch erneuert und bereichert. Welches Jammerbild stellt uns dagegen Thomas Mann mit seiner fortwährenden Selbstbespiegelung dar! Aber er findet bei uns und in Amerika noch immer Dumme genug, die seinen Exhibitionismus bestaunen. Genug davon." Vossler schließt diesen Brief mit: "Ihr alter K. Vossler".[26]

Karl Vossler stirbt am 18. Mai 1949. "Jene böse Nazizeit hat ganz eigentlich meines Mannes Lebensfreude ausgelöscht", schreibt Emma Vossler an Klemperer. "Von da an hat er sich nach dem Tod gesehnt. Er hat das eigene Volk verachtet und sich seiner geschämt. Mit meiner ganzen Liebe habe ich ihn nicht zurückhalten können, u. allen Bemühungen der Ärzte hat er sein 'Ich will nicht mehr' entgegen gehalten. Nicht gewaltsam hat er sich das Leben genommen, obwohl Medikamente u. Schlafmittel in Massen in seiner Nähe standen. Er folgte einem lockenden Todesruf unaufhaltsam, gelassen, wie es seine Art war. Die letzten Wochen waren schmerzensreich. Manchmal war er benommen u. sein Geist schon in weiter Ferne. Er mußte lange Geduld haben – er der Ungeduldige, Vorwärtsstrebende – bis endlich die irdischen Fesseln fielen.

Nun türmen sich die Beileidsschreiben auf meinem Tisch. In der Nazizeit hatte ich oft das Gefühl, als sei er sehr verlassen, als stünde er fast allein unter seinen Kollegen u. Freunden. Nur ein paar getreue Unentwegte waren noch um uns. Nun ist es doch anders gewesen, u. vielen fällt es ein – zu spät – was er für Deutschland bedeutet hat."[27]

Anders als der weise Karl Vossler reagiert der jugendliche Heißsporn Stephan Hermlin auf die Neuerscheinung von Klemperers Moderne französische Prosa. Er verreißt das Werk in der Zeitschrift Freitag am 25. März 1949 unter der Überschrift Ein schlechter Dienst an der deutschen Jugend. Hermlin wirft Klemperers Literaturgeschichte vor, daß einige Schriftsteller darin nicht vorkommen, was in bezug auf Aragon, Elsa Triolet, Vercors, Julien Benda und Jean-Richard Bloch durchaus berechtigt ist. Ferner echauffiert sich Hermlin darüber, daß Klemperer auf Emile Baumann eingeht und fährt fort: "Aber wer glaubt, daß Klemperer es bei Baumann bewenden läßt, irrt sich. Er stellt für den deutschen Schüler und Studenten treulich alles zurecht, was inzwischen auf den Misthaufen der Literaturgeschichte gewandert ist: den jämmerlichen Ernest Psichari, ein Gegenstück zu Walter Bloem; den Nietzsche-Schüler Ernest Seillière, der vor vierzig Jahren seine 'Geschichte des Imperialismus' schrieb; den Chauvinisten Maurice Barrès und schließlich den alten Verräter Charles Maurras, der vor einem Jahrzehnt dazu aufrief, die Politiker der Linken 'mit Küchenmessern' zu erledigen und den Einmarsch Hitlers hymnisch begrüßte."[28]

Klemperer reagiert auf diesen Verriß mit einem Brief an Hermlin am 27. III. 1949, in dem er zunächst Hermlins schriftstellerisches Talent würdigt. Weiter unten heißt es: "Sie entrüsten sich ueber die Aufnahme mancher Texte, die Ihnen bald aus aesthetischen, bald aus sittlichen, bald aus spezifisch politischen Gruenden auf den Misthaufen der Literaturgeschichte zu gehören scheinen. Was ist Literaturgeschichte? Wenn sie eine wirkliche Geschichte sein will, so ist sie fraglos mehr oder etwas anderes als nur die Aufreihung aesthetischer und ethischer Höchstleistungen. Nein, sondern sie umfasst alles, worin sich sprachlich der Geistes- und Bildungszustand eines Volkes ausdrückt. Das charakteristisch Mittelmäßige und selbst der charakteristische Schund darf nicht beiseite gelassen werden, das Reaktionäre darf nicht unerwähnt bleiben, wo es die Gesinnung grosser Volksteile darstellt. Geschichte und Literatur eines Volkes stehen in engster Wechselwirkung, Geschichte hilft mir, die Literaturgeschichte, Literaturgeschichte hilft mir, die Geschichte zu verstehen.

'Tableau!' schreiben Sie und scheinen also zu glauben, dass ich mich mit den Kriegs- und Rasseideen Paul Adams identifiziere. Sie kommen mir vor wie der Cowboy im Zuschauerraum eines Wildwesttheaters, der in edler Empörung den Darsteller des Bösewichts von der Bühne knallt."[29]

Klemperer steht mit dieser Argumentation nicht allein. Hier ein Äquivalent: "Das streckenweise sich ergebende Konnubium von Geschichte und Literaturgeschichte in der Bestimmung der Epochen empfiehlt sich im Hinblick auf die enge Verbundenheit der beiden Bereiche. Die Literatur ist mit allen Fasern ihres Wesens im Leben der Geschichte verklammert. Sie gehört zu den Elementen des geschichtlichen Seins, dem sie den letzten, verbindlichen Sinn verleiht und die allmenschliche Verbundenheit sichert. Auch wo die Literatur idealisiert, kann sie geschichtlich realer wirken als die Darstellung der geschichtlichen Realität."[30] – Es gibt nur einen, der so schreibt: Es ist Klemperers später Antipode, Werner Krauss, ehemals Schüler von Karl Vossler.

Stephan Hermlin ist nicht der einzige, der Klemperer zusetzt. Auch die Hallenser und die Dresdener Parteileitung sind unzufrieden mit dem Genossen Klemperer. Am 6. Oktober 1953 hatte Klemperer anläßlich des vierten Jahrestages der Gründung der DDR in der Universität Halle einen Vortrag gehalten, der nicht nach dem Geschmack der Parteibonzen war. Sie kritisieren: "Genosse Klemperer hätte in seinem Vortrag darlegen müssen, die Bedeutung der Deutschen Demokratischen Republik als Basis im Kampf um ein einheitliches, friedliebendes und demokratisches Deutschland sowie den Kampf um die Erhaltung des Friedens. Dabei hätte der Referent sehr gut die Hilfe unserer Partei und Regierung gegenüber der Wissenschaft zum Ausdruck bringen können.

Weiterhin fehlte im Vortrag die Würdigung der Verdienste unseres Präsidenten, Genossen Wilhelm Pieck sowie die Bedeutung des neuen Kurses. Genosse Klemperer stellte in seinem Vortrag die These auf, 'Der Geist formt den Körper' (Schiller), ohne diese falsche Auffassung zu widerlegen. Ebenso scheint beim Referenten unklar, der folgende Satz vom Genossen Stalin im Telegramm anläßlich der Gründung der DDR, wo gesagt wird, die Gründung der DDR ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas. Genosse Klemperer legte dieses als unser Ziel dar, welche[s] schwer zu erreichen ist."[31]

Am 27. Mai 1955 liest Klemperer folgendes Meisterwerk parteibürokratischer Borniertheit: "Lieber Genosse! In der konstituierenden Sitzung der Parteigruppe der Abgeordnetengruppe des Bezirkes Dresden wurde kritisiert, daß drei Genossen ohne ausreichende Begründung der am 25. Mai abgehaltenen Tagung der Abgeordnetengruppe ferngeblieben sind. Genosse Grotewohl wies dabei auf die große Bedeutung der Arbeit der Abgeordnetengruppe für die Demokratisierung hin. Er begründete, daß es gemäß den Beschlüssen des ZK die Pflicht aller Genossen ist, an den Tagungen der Abgeordnetengruppe und ihrer Arbeit teilzunehmen. Nur ganz besondere Gründe, nicht die Teilnahme an irgendeiner anderen Sitzung oder Besprechungen, können das Fernbleiben von einer Tagung der Abgeordnetengruppe, zu der rechtzeitig eingeladen wird, entschuldigen. Auf Vorschlag des Genossen Grotewohl wurde ich von der Parteigruppe beauftragt, Dir die an Deinem Fernbleiben geübte Kritik mitzuteilen und darauf hinzuweisen, daß die von Dir angegebene Entschuldigung als nicht ausreichend betrachtet wurde. Da ich ferner beauftragt wurde, in der nächsten Zusammenkunft der Parteigruppe über die Angelegenheit zu berichten, bitte ich Dich um eine kurze Stellungnahme. Mit sozialistischem Gruß Max Seydewitz Sekretär der Parteigruppe der Abgeordnetengruppe

NB

Am Sonnabend, den 4. Juni 1955 nachmittags 14 Uhr 30 findet das von der Abgeordnetengruppe beschlossene erste Seminar über das Thema: 'Die Bedeutung der Warschauer Konferenz für den nationalen Kampf des deutschen Volkes' statt. Diese Mitteilung gilt zugleich als Einladung".[32]

Klemperer reagiert postwendend, am 27. Mai 1955, mit einem Brief an Seydewitz, in dem er sein Fernbleiben damit entschuldigt, daß er in Berlin 19 Studenten zu prüfen, dort eine akademische Sitzung zu leiten und auf einer Parteigruppenbesprechung zugegen zu sein hatte, zählt dann seine Auszeichnungen auf und schließt: "Offenbar habe ich mich in den vorgenannten Erwägungen geirrt. Ich hätte selbstkritisch bedenken sollen, dass mein hohes Alter meine Urteilskraft b[e]einträchtigen könnte. Mit sozialistischem Gruss Victor Klemperer".[33] Darunter steht, in Klemperers Handschrift: "Umstehender Brief hat mir den heutigen Tag vergällt und mich in meiner Vallèsarbeit schwer behindert."[34]

Auf die Idiotien der Diktatur des Parteiapparats antwortet Klemperer mit Ironie, ganz im Sinne von Chamisso, über dessen Peter Schlemihl Thomas Mann bemerkt hat: "Aber Ironie heißt fast immer, aus einer Not eine Überlegenheit machen."[35]

Im Gegensatz zu den Rüffeln der Partei, die Klemperer in seiner Arbeit behindern, erweist sich Hermlins Verriß als produktiv, trägt er doch dazu bei, daß Klemperer Vercors entdeckt.

Sicherlich auf Klemperers, respektive Hermlins Anraten verfaßt ein Doktorand der Humboldt-Universität anfangs der 50er Jahre eine Qualifikationsschrift zu Vercors. In einem sieben Seiten umfassenden Brief an Rita Schober führt Victor Klemperer am 17. Februar 1954 aus, weshalb er diese Arbeit keineswegs zustimmend begutachten könne: "Ich bin aber noch nie einer Arbeit begegnet, die derart engherzig, stur, dumm und gehässig ihr Thema anfaßt, derart entfernt von aller Wissenschaftlichkeit des Literarhistorikers und derart unsinnig umgehend mit unsicheren Schlagwörtern [...]. Es ist mir unfassbar wie jemand, der semesterlang bei mir studiert hat, solch eine Arbeit schreiben kann. Entweder habe ich als Lehrer völlig versagt, oder der Mann passt zum Literarhistoriker wie der Igel zum Lautenschlagen." Klemperer zeiht den Doktoranden ferner der "Blindheit der 250%igen" und bemerkt gegen Ende des Briefes: "M. stösst sich daran, dass Vercors ein paar Mal biblische Bilder gebraucht. Er stösst sich daran, dass Vercors eines seiner Werke Mystère nennt. Er stösst sich daran, dass diesem 'Mystère' ausdrücklich die Erklärung vorangestellt wird, hier handle es sich um die vielfältige Verkörperung oder Gestaltung der Grundidee. M. sieht rot, sobald von Idee die Rede ist. Er sieht rot, sobald biblische Bilder in Spiel kommen, die blosse Bezeichnung 'Mystère' – dass es auch ein Mysterium von der Geschichte Trojas gibt – hat er wahrscheinlich nicht 'gehabt'."[36]

Obwohl es für den Philologen Victor Klemperer hier keine Konzessionen an die Dummheit gibt, kommt die Arbeit vier Monate später durch, ohne daß sie wesentlich verbessert worden wäre.

Diese Qualifikationsschrift ist nichts anderes als eine Abrechnung mit Vercors, dem hier permanent vorgeworfen wird, er habe seine Klassenschranken nicht überwinden können. Die Bedeutung des kämpfenden Proletariats sei unterrepräsentiert, konstatiert der Doktorand. Bereits auf der ersten Seite wird der Stab über Vercors gebrochen: "Ein Schriftsteller gestaltet in seinen Werken vornehmlich die Interessen und Ansichten derjenigen Klasse, der er sich in seinem Innersten verbunden fühlt, und die Ideologie dieser seiner Klasse bestimmt den Inhalt seiner Werke."[37] Weiter unten wird Werner Möller, der Verfasser dieser Doktorarbeit, noch deutlicher: "Ein chauvinistisch gefärbter Nationalismus, der aus der von Vercors nicht überwundenen bürgerlichen Ideologie herrührt, verschmilzt mit des Dichters rein menschlich und nicht durch einen fortschrittlichen Klassenstandpunkt bedingten Hass gegen den Faschismus zu einer unauflöslichen Einheit."[38]

Klemperer hatte am Manuskript unter anderem kritisiert: "Für Möller ist der Mensch durchweg nach seiner Klassenlage zu beurteilen. Es ist aber doch so, dass jeder Mensch zuerst einmal eine Kopf- oder Steiß- oder sonstige Lage im Mutterleib hat. Und das Zweite: jeder Mensch zuletzt eine Sarglage hat, die auch wieder mit der Klassenlage nichts zu tun hat, sofern man in diesem zweiten Fall nicht das Begräbnis erster, zweiter oder sonstiger Klasse und die Beschaffenheit des Sarges für wesentlich erklären will. Und es ist einfach nicht abzuleugnen und wird von keinem vernünftigen Menschen, welcher Partei, Konfession und Weltanschauung auch immer, abgeleugnet, dass diese allgemein gültigen Anfangs- und Schlusstatsachen bestimmend auf alle Menschen einwirken."[39]

In zahlreichen Aufsätzen, Vorträgen, Gutachten, Zeitungsartikeln etc. tritt Klemperer für gepflegtes Deutsch ein. So schreibt er unter anderem am 30. Juli 1947 einen Brief an den Verlag der FDJ, in dem er die Herausgabe von Nikolai Ostrowskis Roman Wie der Stahl gehärtet wurde kritisiert,[40] der auch durch den besten Übersetzer nicht in den Bereich erträglicher Literatur hinaufgeläutert werden kann. Als Zeugnis des Triumphs tumber Ignoranz über den Geist kann gelten, daß dieses Buch wenig später und bis Ende 80er Jahre zum Kanon der Pflichtliteratur an DDR-Schulen gehörte.

Gepflegtes Deutsch fordert Klemperer auch von seinen Promovenden und Habilitanden. Über den Zustand eines Gutteils philologischer Arbeiten im heutigen Deutschland würde er gewiß den Kopf schütteln, insbesondere dort, wo exzessiver Gebrauch von Fremdwörtern und kryptischer Wissenschaftsjargon verständliches Deutsch verdrängen. Darauf weist er u. a. in Gutachten zu Dissertationen von J[ürgen] Papenbrock[41] und A[dalbert] Dessau hin. In letzterem wie folgt: "Störend wirkt die Geschwollenheit einiger Fachausdrücke. Was sollen Historizität und Relevanz, wo es mit Geschichtlichkeit und Wichtigkeit genauso getan ist?"[42] Victor Klemperer bleibt auch hier der Aufklärung treu, die stets bestrebt gewesen ist, komplizierte Sachverhalte so verständlich wie möglich darzustellen.

LTI, Klemperers an der Aufklärung geschulte Analyse der Sprache des III. Reiches, wurde im Westen sicher nicht allein aus dem Grunde totgeschwiegen, weil Klemperer sich zur DDR und zum Marxismus bekannte, sondern auch deshalb, weil im Wirtschaftswunderland an Aufarbeitung von Vergangenheit kaum jemand ernsthaft interessiert war. In der DDR war LTI in zahlreichen preiswerten Auflagen des Reclam-Verlags verbreitet.

Victor Klemperer, der bei Montesquieu erfahren hatte, daß es die erste Aufgabe des Staates sei, den Bürger vor dem Staat zu schützen, konnte in der DDR der Aufklärung treuer bleiben als irgendwo sonst. Er versuchtete, mit kritischem Engagement ein Gesellschaftsmodell mitzugestalten, das potentiell in der Lage ist, diese vornehmste Aufgabe des Staates wahrzunehmen. Die zahlreichen akademischen und gesellschaftlichen Positionen, die Klemperer zwischen 1945 und 1959 innehatte, stempeln ihn mitnichten zum opportunistischen Funktionär. Klemperers Bestreben, sich als gesellschaftlich anerkannte Persönlichkeit in der Öffentlichkeit und bei den Regierenden Gehör zu verschaffen, war dem Ziel untergeordnet, Licht in die Köpfe eines für politische Manipulation allzu anfälligen Volkes zu bringen und bezeugt Klemperers ungebrochene Hoffnung auf die Wirksamkeit von Aufklärung.[43]

Es ist ein Lichtblick, daß Victor Klemperer heute endlich entdeckt ist, was ohne die in der DDR vom Aufbau-Verlag begonnene Edition der Tagebücher nicht geschehen wäre. Manchmal geschieht das Unwahrscheinliche: "Einige werden posthum geboren."[44] – Victor Klemperer ist diese Genugtuung widerfahren.

 

 

[zuerst veröffentlicht in Germanica 27/2000, pp. 205 – 220. © R. Reimann  2001]



[1] Ms. Dresd. App. 2003, 219.

[2] Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen, Tagebücher 1945 – 1949, Berlin 1999, 132 (fortan Tgb. 45 – 49).

[3] Zu Klemperer/Lerch cf. Frank-Rutger Hausmann: "Wir wollen keine Positivisten sein", Victor Klemperers Briefwechsel mit Karl Vossler, LENDEMAINS 82/83 (Berlin 1996), 54 – 63.

[4] Cf. Ms. Dresd. App. 2003, 217.

[5] Cf. Victor Klemperer: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Tagebücher 1933 – 1941, Berlin 1995, 346.

[6] Cf. ib., 210.

[7] Cf. Victor Klemperer: Tgb. 45 – 49, 258.

[8] Cf. Anm. 1.

[9] Ms. Dresd. App. 2003, 405 (Lerchs Hervorhebung).

[10] Cf. Tgb. 45 – 49, 7.

[11] Cf. ib., 41, 128 ff., 145, 148, 155.

[12] Das erste Buch, das Klemperer, der jedes gelesene Buch für sich selbst rezensiert hat, nach dem Krieg, am 12. 4. 1946, für sich bespricht, ist Über den Sinn des gegenwärtigen Krieges, ein Heft, zusammengestellt nach den Vorlesungen von Johannes Kühn im Jahre 1940. Klemperer kommt hierbei zu dem Schluß: "Ein

umfassenderes innen- und aussenpolitisches Bekenntnis zum Nationalsozialismus als diese Schrift scheint mir unmöglich." Ms. Dresd. App. 2003, 1139.

[13] Ms. Dresd. App. 2003, 402.

[14] Cf. Horst Heintze/Erwin Silzer (Hgg.): Im Dienste der Sprache, Festschrift für Victor Klemperer zum 75. Geburtstag am 9. Oktober 1956, Halle/Saale 1958, 271-275.

[15] Ms. Dresd. App. 2003, 485. Ich behalte durchweg Vosslers Interpunktion bei, die allerdings Emma Vosslers Interpunktion sein dürfte, der Vossler diktierte. Seine Unterschrift unter den Typoskripten verrät eine erheblich zitternde Hand (Parkinsonsche Krankheit?).

[16] Tgb. 45 – 49, 146.

[17] Victor Klemperer: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen, Tagebücher 1950 – 1959, Berlin 1999, 390 (22. 6. 53).

[18] "Insgesamt muß man feststellen, daß die Entnazifizierung keine durchgreifende Säuberung gewesen ist, denn höchstens 3 Prozent der vor die Spruchkammern geladenen ehemaligen Nationalsozialisten wurden in diesen Verfahren als Hauptschuldige oder Belastete eingestuft. Für den öffentlichen Dienst hat dies bedeutet, daß der größte Teil der Nationalsozialisten wieder im neuen Staat Verwendung finden konnte, was man im allgemeinen damit rechtfertigte, daß ein außerordentlicher Bedarf an entsprechend qualifizierten Personen bestehe, der sonst nicht gedeckt werden könne." Kurt Sontheimer: Die Adenauer-Ära, Grundlagen der Bundesrepublik, München 1991, 175 f.

[19] Cf. Tgb. 45 – 49, 456 f.

[20] Ib., 99 (7. September 1945).

[21] Klemperer hat Anteil daran, daß E. von Jan nach Jena versetzt wird: "Dieses Katheder (das Jenenser, R. R.) war mir ein paar Wochen zuvor von der Berliner Zentralverwaltung aus angeboten worden; nach Rücksprache mit dem Genossen Vicepraes. Fischer war von Fischers Seite auf meinen Vorschlag nach Berlin telegraphiert worden, dass ich in Sachsen gebunden sei, und dass man sich E. von Jan aus Leipzig nach Jena holen solle. Ich war mir mit dem Kollegen Wessel darüber einig, dass v. Jan wissenschaftlich ein biederes Mittelmaß darstelle. Ich sagte, wir brauchten in Leipzig notwendig Leute, die in jeder Hinsicht weniger farblos seien, möchten aber Jan nicht um Brod und Beruf bringen; als Mensch und Lehrer sei er fraglos brauchbar."

Prof. Dr. Victor Klemperer, Bericht über einen Vortrag an der Universität Jena, vertraulich, Ms. Dresd App. 2003, 818. Das Typoskript ist von Klemperer irrtümlich auf den 25. III. 45 datiert; es stammt vom 25. III. 1946.

[22] Ms. Dresd. App. 2003, 485.

[23] Ms. Dresd. App. 2003, 488.

Der Umstand, daß Vossler Klemperer gern auf dem Leipziger Lehrstuhl gesehen hätte, widerspricht der von F.-R. Hausmann verfochtenen These eines dauerhaften Konflikts zwischen Vossler und Klemperer. (Cf. Anm. 3.) Auch Vosslers Anrede "Lieber Freund Klemperer" zeugt von freundschaftlicher Wertschätzung. Über Krauss und PLN hatte Vossler bereits am 25. Oktober 1946 an Klemperer geschrieben: "Haben Sie das höchst merkwürdige Buch des mir so lieben Schülers u. Freundes Werner Krauss gelesen? die Passionen der halykonischen Seele. Ich habe mich sehr bemüht, aber ich verstehe es nicht. Er hat es im Zuchthaus unter dem Beil geschrieben. Er war schon in normalen Zeiten seelisch sehr labil und geistig hochbegabt." Ms. Dresd. App. 2003, 484.

[24] Ms. Dresd. App. 2003, 491.

[25] Zu Karl Vossler cf. Klaus Bochmann: Sprache und Kultur bei Karl Vossler, in: Grenzgänge 6 (Leipzig 1996), 110-121.

[26] Ms. Dresd. App. 2003, 493.

[27] Ms. Dresd. App. 2003, 495.

[28] Ms. Dresd. App. 2003, 1376.

[29] Ms. Dresd. App. 2003, 174n.

[30] Werner Krauss: Periodisierung und Generationstheorie (1968), in: ders.: Die Innenseite der Weltgeschichte, Leipzig 1983, 100.

[31] Betr.: Beschluß der Zentralen Parteileitung vom 8. 10. 1953, Stellungnahme der Genossen Reinicke, Walther und Sterner zur Festrede des Nationalpreisträgers Genosse Klemperer, Halle, 21. 10. 53. Ms. Dresd. App. 2003, 458.

[32] Ms. Dresd. App. 2003, 449 (Hervorhebung Seydewitz).

[33] Ms. Dresd. App. 2003, 449verso.

[34] Ib.

[35] Thomas Mann: Chamisso, in: ders.: Aufsätze, Reden, Essays; Bd. I, Berlin und Weimar 1983, 253.

[36] Ms. Dresd. App. 2003, 236.

[37] Werner Möller: Vercors' Werke. Ein Beitrag zum Problem der Beziehung von [sic!] Weltanschauung und künstlerischem Schaffen, Berlin 1954, 1.

[38] Ib., 24.

[39] Cf. Anm. 36.

[40] Cf. Ms. Dresd. App. 2003, 781.

[41] Cf. Gutachten von Klemperer zur Dissertation François Coppé von J[ürgen] Papenbrock , 30. XI. 1955. Ms. Dresd. App. 2003, 802.

[42] Gutachten von Klemperer zur Dissertation von A[dalbert] Dessau: Raoul de Cambrai, 31. 12. 1957. Ms. Dresd. App. 2003, 812.

[43] Es ist blauäugig und beruht zu einem Gutteil auf Unkenntnis des Archivmaterials sowie der tatsächlichen Verhältnisse in der DDR, wenn Klemperer und Krauss, um die ein "Personenkult"entstanden sei, mangelnder Widerstand vorgeworfen wird [Cf. Frank-Rutger Hausmann, "Aus dem Reich der seelischen Hungersnot", Würzburg 1993, 20]. Die in diesem Zusammenhang vorgebrachte Anschuldigung, Klemperer und Krauss hätten dazu geschwiegen, "daß von den sechs Universitäten mit Romanischen Seminaren, die die DDR nach 1945 übernahm (Berlin, Greifswald, Halle, Jena, Leipzig, Rostock), allein Berlin eine Vollromanistik behalten durfte" [Ib.], ist nicht ganz fair. Zunächst sei überhaupt dahingestellt, ob Klemperer und Krauss sich nicht in irgendeiner Form für "Vollromanistik" eingesetzt haben. Fest steht, daß Krauss das Romanische Institut der Universität Leipzig ins Leben gerufen hat und daß Klemperer und Krauss erfolgreich gegen die Stillegung der Hallenser Romanistik interveniert haben. [Cf. u. a. Tgb. 50 – 59, 400, 402, 482]. Aus Klemperers Tagebüchern von 1945 bis 1959 und aus seinem Nachlaß geht außerdem unzweideutig hervor, daß Klemperer sich unermüdlich für den Ausbau der Dresdener Romanistik sowie für Latein- und Französischunterricht in DDR-Schulen engagierte [Cf. u. a. Ms. Dresd. App. 2003, 876/1248/1283]. Schließlich sei darauf verwiesen, daß "Vollromanistik" eine deutsche Errungenschaft ist, an deren Anfängen die chauvinistische Zielsetzung steht, das Französische zu marginalisieren.

[44] Friedrich Nietzsche: Der Antichrist, in: ders.: Kritische Studienausgabe, München/Berlin/New York 21988, Bd. 6, 167.

 

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