Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 

 

 

R. Reimann


Die Genealogie des Christentums in
Gustave Flauberts Trois Contes

I

Das 19. Jahrhundert ist in Europa das Jahrhundert, in dem das Christentum von der philosophischen und literarischen Elite zu den Akten gelegt wird. Es wird mehr und mehr als das erkannt, was es in Wirklichkeit ist: der Anfang vom Ende des Abendlandes.

Hauptinitiator des damit zusammenhängenden Demaskierungsprozesses der Inhumanität christlicher Wert- und Moralmaßgaben war nach der Renaissance Voltaire gewesen, auf den sich später Schopenhauer, Flaubert, Nietzsche und andere berufen.

Einem Chirurgen ähnlich, der Krebsgeschwüre freilegt, seziert Flaubert die Wirklichkeit als gesellschaftlich und individuell absurden Zustand. Darin liegt Flauberts Hauptverdienst, neben den bekannten ästhetischen Neuerungen, die der moderne Roman von Huysmans über Proust und Joyce bis hin zu Beckett Flaubert verdankt.[i]

Gustave Flaubert ist, gemeinsam mit Baudelaire, derjenige französische Autor des 19. Jahrhunderts, dessen Werk die meisten Stellungnahmen nach sich zog. Wissenschaftliche Abhandlungen halten sich hierbei die Waage mit Publikationen von bedeutenden und weniger bedeutenden Schriftstellern.

Stiefkind, sowohl der Forschung, als auch essayistischer Betrachtung, sind die Trois Contes, die als zusammengehöriges Werk bis heute kaum beleuchtet wurden. Dies nimmt einigermaßen wunder, denn die Zeugenschaft Flauberts in bezug auf die Hauptsünde der letzten 2000 Jahre wird hier wie nirgendwo sonst in seinem Werk offenbar.

 

II

Am 1. August 1874 hatte Flaubert damit begonnen, Bouvard et Pécuchet niederzuschreiben. Diese hinsichtlich des damit verbundenen Arbeitsaufwandes gigantischste seiner literarischen Unternehmungen stellt er im Herbst 1875 zunächst zugunsten der Légende de Saint Julien l'Hospitalier zurück, mit der er sich bereits 1856 beschäftigt hatte. Er schreibt am 3. Oktober 1875 an Madame des Genettes:"Quant à la littérature, je ne crois plus en moi; je me trouve vide, ce qui est une découverte peu consolante. Bouvard et Pécuchet étaient trop difficiles, j'y renonce; je cherche un autre roman, sans rien découvrir. En attendant, je vais me mettre à écrire la légende de Saint Julien l'Hospitalier, uniquement pour m'occuper à quelque chose, pour voir si je peux faire encore une phrase, ce dont je doute. Ce sera très court; une trentaine de pages peut-être. Puis, si je n'ai rien trouvé et que j'aille mieux, je reprendrai Bouvard et Pécuchet."[ii]

Der Légende de Saint Julien l'Hospitalier folgen die contes Un Cœur simple, begonnen am 17. Februar 1876, beendet am 17. August desselben Jahres, sowie Hérodias, den Flaubert sofort nach Un Coeur simple zu schreiben beginnt und im Februar 1877 abschließt.

Die Ursache für die geringe Beachtung der Trois Contes im Vergleich mit anderen Werken Flauberts ist wohl vor allem darin zu finden, daß der Autor selbst die Bedeutung dieses Werkes in seiner Korrespondenz häufig geringer veranschlagt als die Bedeutung seiner Romane, wofür der oben zitierte Briefauszug nur als Beispiel für vieles Gleichlautende steht. Zudem nehmen sich die Trois contes dem Umfange nach geringer aus als die Romane, und unbestritten ist, daß zumindest Un coeur simple sowie La Légende de saint Julien l'Hospitalier auf die Literatur nach Flaubert von wesentlich geringerem Einfluß waren als Madame Bovary oder L'Éducation sentimentale. Hérodias allerdings beeinflußte die Salomé-Darstellungen nach Flaubert nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Malerei. Die Salomé-Darstellungen Gustave Moreaus beispielsweise, die Huysmans in À rebours wieder in Sprache umsetzt, gehen auf Flauberts Hérodias zurück.[iii]

Sofern sich die Forschung der Trois Contes annimmt, wird in aller Regel ein conte aus dem Zusammenhang gelöst und isoliert betrachtet.[iv] Synthesen gelingen nur sporadisch und beschränken sich bislang ausnahmslos auf die Beleuchtung zweitrangiger Zusammenhänge zwischen den einzelnen contes.[v]

Michel Butor sieht folgende Parallelen zwischen den Hauptfiguren der Trois contes: "Trois histoires de dénuement: les trois héros, les trois 'saints' sont d'une extrême pauvreté à la fin de leur existence. (...) Trois célibataires: Félicité a aimé quelqu'un dans sa jeunesse, mais n'a pas pu l'épouser, et s'est toujours consacrée aux enfants des autres; Julien a épousé la fille de l'Empereur d'Occitanie, il a traversé le mariage, puis il est entré dans la solitude; quant à Jean-Baptiste il est depuis toujours fondamentalement célibataire. Tous trois se présentent en contraste avec une vie familiale.[vi]

Diese äußerlichen Übereinstimmungen sind fraglos vorhanden; sie verweisen jedoch nur andeutungsweise darauf, daß es ein die Trois Contes generell überspannendes Thema gibt. Ezra Pound war dem auf der Spur, als er 1922 feststellte: "Die drei historischen Tableaux - heidnische Antike, Mittelalter, Neuzeit - bilden ein Ganzes und kreisen um den Satz aus der ersten Erzählung, Saint Julien: 'Und er verfiel auf den Gedanken, sein Leben in den Dienst der anderen zu stellen.' "[vii] ("...et l'idée lui vint d'employer son existence au service des autres." (II, 645.))[viii]

Die Trois Contes stellen zwei markante Etappen der Herausbildung des Katholizismus, mithin des Christentums vor und exemplifizieren das Wesen des zeitgenössischen Katholizismus am Medium Félicité, die ihr bemitleidenswertes und in den Wahnsinn mündendes Leben getreu den Maßgaben von Neuem Testament und Enzyklika fristet.

Ein, wenn nicht das zentrale Thema Flauberts ist die bêtise humaine, deren Darstellung sein Werk durchzieht und die ihn in seinen Briefen permanent an den Rand der Verzweiflung treibt, die hier wie im Werk durch Ironie überwunden wird. Mit Bouvard et Pécuchet und dem zugehörigen Dictionnaire des Idées recues hatte er sich soweit in dieses Thema verstiegen, daß es ihm über den Kopf wachsen mußte. Die menschliche Dummheit in all ihrer Komplexität darstellen zu wollen, einen geringeren Anspruch stellte er sich nicht, bedeutete den Griff nach dem Unendlichen.

"Les mots religion ou catholicisme, d'une part; progrès, fraternité, démocratie de l'autre, ne répondent plus aux exigences spirituelles du moment. Le dogme tout nouveau de l'égalité, que prône le radicalisme, est dementi experimentalement par la physiologie et par l'histoire", schreibt Gustave Flaubert im Dezember 1875 an George Sand, zu jener Zeit, da die Arbeit an Bouvard et Pécuchet ruht.

Zweifellos waren La Légende de Saint Julien l'Hospitalier und Un Cœur simple zunächst tatsächlich nur als Stilübungen gedacht. Während der Niederschrift von Un Cœur simple jedoch wird Flaubert der Zusammenhang bewußt, der zwischen diesen beiden contes besteht. Sie offenbaren Christentum und Katholizismus als wesentlichen Bestandteil der komplexen bêtise humaine. Zugleich erkennt er, daß ein dritter conte noch hinzugefügt werden sollte, um diesen Zusammenhang zu verdeutlichen: "Savez-vous ce que j'ai envie d'écrire après cela?" schreibt Flaubert im April 1876 an Madame des Genettes. "L'histoire de saint Jean-Baptiste. La vacherie d'Hérode pour Hérodias m'excite. Ce n'est encore qu'à l'état de rêve, mais j'ai bien envie de creuser cette idée-là. Si je m'y mets, cela me ferait trois contes, de quoi publier à l'automne un volume assez drôle." (Hervorhebung R. R.)

Als "un volume assez drôle" sind die Trois Contes also anzusehen, weshalb es angeraten erscheint, dieses Werk entsprechend der von Flaubert getroffenen Anordnung zu untersuchen.

 

III

Als Beweis für Félicités gottgefällige Makellosigkeit mag zunächst folgender Auszug dienen: "Le prêtre fit d'abord un abrégé de l'Histoire sainte. Elle croyait voir le paradis, le déluge, la tour de Babel, des villes tout en flammes, des peuples qui mouraient, des idoles renversées; et elle garda cet éblouissement le respect du Très-Haut et la crainte de sa colère. Puis, elle pleura en écoutant la Passion. Pourquoi l'avaient-ils crucifié, lui, qui guérissait les aveugles, et avait voulu, par douceur, naître au milieu des pauvres, sur le fumier d'une étable? Les semailles, les moissons, les pressoirs, toutes ces choses familières dont parle l'Évangile, se trouvaient dans sa vie; le passage de Dieu les avait sanctifiées; et elle aima plus tendrement les agneaux par amour de l'Agneau, les colombes à cause du Saint-Esprit.

Elle avait peine à imaginer sa personne; car il n'était pas seulement oiseau, mais encore un feu, et d'autres fois un souffle. C'est peut-être sa lumière qui voltige la nuit aux bords des marécages, son halaine qui pousse les nuées, sa voix qui rend les cloches harmonieuses; et elle demeurait dans une adoration, jouissant de la fraîcheur des murs et de la tranquillité de l'église.

Quant aux dogmes, elle n'y comprenait rien, ne tâcha même pas de comprendre. (II, 601 f.)

Sancta simplicitas; heiligere Einfalt ist unmöglich. Das wird bei einem Vergleich dieses Auszuges mit repräsentativen Bibelzitaten noch deutlicher:

1) "... le respect du Très-Haut et la crainte de sa colère." Dem entspricht: " ... du sollst dich vor deinem Gott fürchten" (3. Mos. 19, 18);

2) "Elle avait peine à imaginer sa personne". Dem entspricht: " ... du sollst dir kein Bildniß noch irgend ein Gleichniß machen deß, das oben im Himmel ... ist" (2. Mos. 20, 4);

3) "Quant aux dogmes, elle n'y comprenait rien". Dem entspricht: "Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr". (Matth. 5, 3).

Eine Vielzahl derartiger Entsprechungen ließe sich noch ergänzen, indes es schwerfallen dürfte, ein einziges Sakrileg Félicités wider die Gebote Gottes und die Buchstaben der Heilgen Schrift zu finden. Bemerkenswert ist, daß sie völlig unbewußt dieses Gott und jedem Pfaffen überaus gefällige Leben führt, wobei ihr allerdings der Zufall gelegentlich zur Seite steht, wenn beispielsweise der Geliebte der jungen Félicité kurzerhand zum Militär einberufen wird, bevor es zur Hochzeit und damit zum Verlust der Reinheit kommt.

"L'Histoire d'un cœur simple est tout bonnement le récit d'une vie obscure, celle d'une pauvre fille de campagne", schreibt Flaubert am 19. Juni 1876 an Madame des Genettes. Durch die wertungsfreie Wiedergabe der tristen Biographie Félicités[ix] wird die Lebensfeindlichkeit der katholischen Kirche und des Christentums offenbar. Leid , Einsamkeit und Wahnsinn sind der Preis für ein angeblich paradiesisch ausgestattetes Jenseits.

 

IV

Die Genealogie des Christentums besteht für Flaubert in einer kontinuierlichen Abfolge von Lügen, Halbwahrheiten, Märchen und Legenden. Zwei Abschnitte dieser Genealogie gestaltet Flaubert in den contes La Légende de Saint Julien l'Hospitalier und Hérodias. Damit gibt er die katholische Kirche seiner Gegenwart, die in Un Cœur simple vorgestellt wird, der Lächerlichkeit preis.

Die epische Struktur der Trois Contes offenbart ironischerweise eindeutige Bezüge zu den Schriften des Alten und des Neuen Testaments. Die Zahl Drei, die von den Verfassern der Bibel arg strapaziert wurde, erscheint äußerlich zunächst im Titel: Trois Contes. La Légende de Saint Julien l'Hospitalier und Herodias sind zudem in drei Kapitel gegliedert. Sie rücken dadurch nicht nur in die Nähe der Bibel, sondern auch in die Nähe des Volksmärchens, denn auch hier spielt die Drei häufig eine entscheidende Rolle. Zweifelsfrei befinden sich die letzten beiden contes an einem Kreuzungspunkt zwischen biblischer Mythologie, Märchen und historischer Authentizität. Letztere zu erschließen dürfte Flaubert kaum möglich gewesen sein, und das lag hier ausnahmsweise auch nicht in seinem Interesse. "Hérodias est maintenant à son milieu", schreibt er am 31. Dezember 1876 an Edmond de Goncourt. "Tous mes efforts tendent à ne pas faire ressembler ce conte-là à Salammbô." In Salammbô hatte Flaubert historische Authentizität um jeden Preis angestrebt, was zahlreiche Briefe und über einhundert Geschichtsbücher, die er für dieses Werk gelesen hatte, ebenso belegen wie die Reise zum Ort des Romangeschehens im Frühjahr 1858. Hérodias hingegen soll, gleich der Légende de saint Julien l'Hospitalier, ein conte sein.

Märchenhaftem und biblischer Mythologie gleichen in der Légende beispielsweise die Prophezeiungen, welche die Eltern Juliens vor dessen Geburt vernehemen (Vgl. II, 625.), das Jagdglück Juliens sowie der sprechende Hirsch (II, 632.).

La Légende de Saint Julien l'Hospitalier ist die märchenhaft-mythologische Darstellung des Lebens eines unheiligen Heiligen[x], "la biographie d'un héros pervers"[xi], die sich von den Hagiographien des Mittelalters wie auch von den Volksmärchen dahingehend unterscheidet, daß die Ironie als gestalterisches Mittel angewendet wird, wovon Flaubert seit Madame Bovary nicht mehr abgelassen hat.

"Du sollst nicht töten", lautet das fünfte Gebot; des Tötens aber hat sich Julien in seinem Leben ausgiebig befleißigt, allein genügt die Buße im Anschluß an ein blutrünstiges Leben für die Seelenrettung, eine Buße, die in willenlosem Masochismus mündet. Am Schluß des conte hat Julien Wesentliches gemein mit Félicité: Er ist bar jeder Eitelkeit im Sinne des Christentums, entindividualisiert, willenlos dienendes Objekt, gottgefällig. War nicht Lucifer gestürzt, weil er sich eine Identität erlaubte? Hier wird ein Vater- und Muttermörder zum Heiligen, weil er gegen Ende seines Lebens dem Nächsten und damit Gott dient; das stellt den eitlen Gott zufrieden, denn letztlich ist das erste das wichtigste Gebot. Ganz gleich, das anderswo gesagt wurde: "Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest im Lande, das dir der Herr, dein Gott gibt." (2. Mos. 20, 12)[xii] Dieser Gott ist nicht etwa schizophren; er vergibt und ist grenzenlos in seiner Güte.

Überliefert ist die Geschichte des Saint Julien, die Flaubert im 19. Jahrhundert neu gestaltet, von der Kirche, worin offenbar wird, daß dieser Mordbube es der Kirche trotz seiner Verstöße gegen zwei Gebote wert war, ihn zum Heiligen, zum "Saint Julien" zu erheben, seine Geschichte als nachahmenswerte zu bewahren. Sartre schreibt dazu: "... nous sommes ... assurés par l'Église que tout finira bien: oui, oui, il tue son père et sa mère mais n'ayez pas crainte, bonnes gens, c'était prévu; toutes les précautions sont prises: puisqu'on vous dit que c'est un Saint!"[xiii]

Durch die Légende und durch Un Cœur simple wurde Flaubert zu Hérodias inspiriert. Er erkannte, daß zu dem christlichen Tableau aus dem 13. Jahrhundert, dem Hochmittelalter, und dem christlichen Sittenbild seiner unmittelbaren Gegenwart ein dritter conte gehört, der zu den Ursprüngen des Christentums zurückführen sollte, woraus sich ein Ganzes ergibt: eine bittere Farce, die weit hinausgeht über die Darstellungen eines neuzeitlichen, mittelalterlichen und antiken Heiligenlebens.

Das Christentum gewinnt im Mittelalter die Oberhand über die heidnische Philosophie, erfährt so in dieser Epoche seine letzte entscheidende Ausprägung. Im Jahre 529, das gemeinhin als der Beginn des Mittelalters gilt, schließt ein Erlaß des christlichen Kaisers Justinian die platonische Akademie in Athen, die 900 Jahre bestanden hatte. Der Heilige Benedikt gründet im selben Jahre Monte Cassino. Ausgangs des 13. Jahrhunderts wird vermöge der Scholastik die christliche zu der das Abendland dominierenden Wissenschaft.

Das 13. Jahrhundert ist die Blütezeit eines gefestigten Katholizismus. Es ist das Zeitalter der letzten christlichen Genies, des Franz von Assisi, des Thomas von Aquin, des Jordan von Sachsen, des Albertus Magnus... . Zugleich aber, und das in viel höherem Maße, ist es das Jahrhundert, in dem die Kirche mit vier Kreuzzügen und diversen Ketzer- und Hexenverbrennungen ihr blutrünstiges Gesicht offen zur Schau trägt, weil sie sich bedroht fühlt, nicht zuletzt durch das Morgendämmern der Renaissance. So ist es denn auch nur folgerichtig, daß ein Killer wie Julien zum Heiligen stilisiert wird, sofern er rechtzeitig Einkehr findet im rechten, Demut verordnenden Glauben.

La Légende de Saint Julien l'Hospitalier erscheint in diesem Licht als die Entmystifizierung eines christlich mystifizierten Lebens.

 

V

Mit Hérodias begibt sich Flaubert an die Wurzeln des Christentums. Der Tod Johannes des Täufers um 30 nach christlicher Zeitrechnung war von prägendem Einfluß auf die Richtung, welche jene Religion nahm, die der Nazarener und der Täufer verkündeten. "Beide waren Prediger eines anbrechenden Gottesreiches, die um sich zahlreiche Jünger scharten. Nach dem Tode des Johannes sind seine Jünger offenbar zu Jesus übergelaufen und haben ihre Erfahrungen mitgebracht. Jesus siegt über Johannes."[xiv]

Flauberts Bericht über das Ende des Täufers weicht in seiner Faktizität kaum ab von den Darstellungen der Matthäus- (14, 3 -12) und Marcus- Evangelien (6, 14 -29). Bezüglich der Gestaltung einzelner Charaktere geht Flaubert jedoch weit über die neutestamentarische Vorlage hinaus. Gestalt gewinnen die vom Neuen Testament vorgegebenen Charaktere bei Flaubert, wie sollte es auch anders sein, hauptsächlich durch die erlebte Rede. Hérodias, die für Flaubert Hauptschuldige an der Enthauptung des Täufers, an dem sie sich für die Demütigungen zu rächen getrieben fühlt, die er ihr zugefügt hat (Vgl. II, 654.), läßt ihre Tochter Salomé als Werkzeug dieser Rache abrichten: "Elle avait fait instruire, loin de Machaerous, Salomé sa fille, que le Tétrarque aimerait; et l'idée était bonne. Elle en était sûre maintenant."(II, 675.)

Flaubert bezeichnet in einem Brief an Madame des Genettes Hérodias als "une sorte de Cléopâtre et de Maintenon" (19 juin 1876). Zwei Wesenheiten der Hérodias werden dadurch offenbar: Schönheit, die bewußt als Machtinstrument eigesetzt wird (Cleopatra), beherrschender Einfluß auf den König (Maintenon). Hérodias bedarf des Mediums Salomé für ihre Rache. Salomé ist jung und schön, während Hérodias äußerlich schon jenseits von Gut und Böse steht, des Königs Sinne nicht mehr zu betören vermag.

Die Figuren der Hérodias und der Salomé werfen ein Licht darauf, welch fatale Wirkungen für Flaubert vom Weibe ausgehen können. Der Weg, den jene Religion einschlug, die die abendländische Kultur seit ca. 30 nach der Geburt des Nazareners verdarb, wurde dieser Religion, entsprechend der Gestaltung des Sachverhaltes in Hérodias, wenn auch indirekt, so doch vornehmlich durch ein rachsüchtiges Weib gewiesen, das sich des lasziven Tanzes einer Jungfrau bediente, der die Geilheit des greisen Hérodes beförderte, der sich infolge final empfundener Brunst zu jedem Versprechen hinreißen läßt. Die Weiber, ausgerechnet die Weiber, nicht nur im Sinne der Antike, sondern auch im Sinne der Bibel zweitrangige Geschöpfe, tragen die Schuld an der Enthauptung des Täufers und damit am Werdegang des Christentums! Wenn das keine Häresie ist, dann gibt es keine Häresie.

Als Beleg dafür, daß Flaubert im Weibe eine Wurzel allen Übels der Welt sah, seien stellvertretend für viele ähnliche zwei Briefstellen angeführt: "Ce (les femmes, R. R.) sont les plus durs et plus cruels des êtres." (À Ernest Feydeau, 11 janvier 1859. Hervorhebung Flaubert.) "Je maudis les femmes, c'est par elles que nous périssons." (À George Sand, 10 septembre 1870.)

Mit dem Weib als Ursprung des Bösen meint Flaubert sowohl die seelische Beschaffenheit desselben als eines weitestgehend von niederen Instinkten und Gefühlen dominierten, nur bedingt denkfähigen Geschöpfes, als auch die Verlockungen weiblicher Schönheit, die Männer paralysiert und unterwirft. Der dionysische Affekt, den weibliche Schönheit zeitigen kann, ist symbolisiert in Salomé, die Flaubert im Gegensatz zum Neuen Testament diesbezüglich ausführlich beschreibt. Trotz, wenn nicht gar folgerichtig ob ihrer Schönheit, ist sie als blasser, "schwacher Charakter"[xv] gestaltet.

 

VI

Das Leitmotiv Gustave Flauberts seit der ersten Fassung von L'Éducation sentimentale (1845) ist die bêtise humaine. Seit 1871 leidet er stärker noch als vordem unter diesem omnipräsenten Phänomen. Die Ursachen hierfür sind höchst komplex. Dem Preußisch-Französischen Krieg und der Pariser Commune steht er völlig fassungslos gegenüber. Flauberts Einsamkeit wird verstärkt durch den Tod Louis Bouilhets 1869, den Tod der geliebten Mutter 1872, den Tod George Sands im Juni 1876. Das Vorhaben Bouvard et Pécuchet scheint undurchführbar. Am 2. Juli 1874 schreibt Flaubert in einem Brief an Turgenjew: "Ce qui me reste dans le coeur, c'est l'échec de l'Éducation sentimentale; qu'on n'ait pas compris ce livre-là, voilà ce qui m'étonne." Er fühlt sich nicht nur einsamer, auch unverstandener denn je.

Mit La Légende de saint Julien l'Hospitalier sucht Flaubert zunächst nur tiefste Entmutigung zu kompensieren. Aus dieser scheinbar beiläufigen Stilübung erwachsen die Trois Contes.

Die Trois Contes stellen an drei markanten Ausschnitten die groteske Genealogie des Christentums und der katholischen Kirche vor. Dies erkennen Flauberts Zeitgenossen, die schon L'Éducation sentimentale vollständig mißverstanden hatten, überhaupt nicht. Flaubert ahnte die zahllosen Fehlinterpretationen der Trois contes. "... je trouve que, si je continue, j'aurai ma place parmi les lumières de l'Église. Je serai une des colonnes du temple. Après saint Antoine, saint Julien; et ensuite saint Jean-Baptiste; je ne sors pas des saints", prophezeit er Madame des Genettes am 19. Juni 1876. Die Voraussage bestätigt sich: "Les Trois Contes de 'ce bon M. Flaubert' sont recommandés sur le catalogue d'une librairie catholique, comme pouvant circuler 'dans les Familles'. Quand je vous dis que je tourne au Père de l'Église." (À Madame Brainne, août 1877.)

Pierre-Marc de Biasi bezeichnet Flauberts Reaktion auf den Umstand, daß die Kirche die Trois contes gründlich mißversteht und so ihre Borniertheit deutlich unter Beweis stellt, treffend als "une satisfaction voltairienne"[xvi].

Hinzuzufügen ist dem nur noch, daß die Fehlinterpretationen und Fehleditionen der Trois Contes bis heute nicht abreißen. Jede Interpretation der Trois Contes, die den Zusammenhang, in dem sie stehen, unberücksichtigt läßt, ist unvollständig. Dementsprechend zerstört auch jede isolierte Edition eines conte die intendierte Aussage. Merkantil ist Un Cœur simple der absolute Renner, in Frankreich wie in Deutschland, wohl deshalb, weil dieser conte, für sich genommen, in prekäre Nähe zu christlicher Erbauungsliteratur rückt.

[zuerst veröffentlicht in Grenzgänge, Heft 4/1995, S. 94-104.
© R. Reimann 2001]

 

[i]Vgl. dazu G. W. Frey, Die ästhetische Begriffswelt Flauberts, München 1972.

[ii]Die Korrespondenz Flauberts wird zitiert nach: Correspondance, Édition Louis Conard, Bd. I -IX, Paris 1926 - 1933. Correspondance, Édition Louis Conard, Supplément, Bd. I - IV, Paris 1954.

[iii]Vgl. R. Schaffner, Die Salome-Dichtungen von Flaubert, Laforgue, Wilde und Mallarmé, Würzburg 1965, S. 8 f. .

[iv]Stellvertretend für vieles Ähnliche sei hier auf Schaffner verwiesen (ebenda) sowie auf P.-M. de Biasi ("Le Palimpseste hagiographique", in: Revue des Lettres modernes, Gustave Flaubert 2, Paris 1986, S. 69 - 124.) und J. Frölich ("La voix de saint Jean: magie d'un discours", Revue des Lettres modernes, Gustave Flaubert 3, Paris 1988, S. 87 - 103).

[v]Zuletzt A. L. Murphy, "The Order of Speech in Flaubert's Trois Contes", in: The French Review 65, Urbana-Champaign 1992, S. 402 - 414.

[vi]M. Butor, Improvisations sur Flaubert, Paris 1984, S. 174.

[vii]E. Pound, "James Joyce und Pécuchet", in: Über Gustave Flaubert, Zürich 1979, S. 233.

[viii]Die Werke Flauberts werden zitiert nach: Oeuvres I/II, Éditions Gallimard, Paris 1951/1952.

[ix]Zu Quellen von Un Coeur simple vgl. R. Dumesnil, "Introduction", in: Flaubert, Oeuvres II, ebenda, S. 577 f. .

[x]Zu Quellen von La Légende de saint Julien l'Hospitalier vgl. P.-M. de Biasi, "Le Palimpseste hagiographique" (wie Anm. 4), S. 69 -124.

[xi]Ebenda, S. 78.

[xii]Zu den verheerenden Auswirkungen des vierten Gebotes auf die abendländische Zivilisation vgl. A. Miller, Am Anfang war Erziehung, Frankfurt/M. 1983, S. 17 - 124.

[xiii]J.-P. Sartre, L'Idiot de la Famille, Bd. 3, Paris 1971, S. 2123.

[xiv]W. Beltz, Gott und die Götter, Berlin und Weimar 1985, S. 316.

[xv]Vgl. R. Schaffner, Die Salome-Dichtungen von Flaubert, Laforgue, Wilde und Mallarmé (wie Anm. 3), S. 44 f. .

[xvi]Vgl. P.-M. de Biasi, "Le Palimpseste hagiographique" (wie Anm.3), S. 78.

 

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