Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Ludwig Schumann


Hilbigs Nachlaß

10 Postkarten mit Vorgeschichte

Er war froh, daß ihn hier niemand kannte. Sie alle dachten, er sei ein ehrbarer Mann. Einer, der es sich eben leisten kann, eine Kreuzfahrt zu bezahlen und Seeluft zu schnuppern. Es war Hilbig angenehm, daß er einmal aus seiner in eine gänzlich andere Rolle, nämlich die des erfolgreichen Mittelständlers, schlüpfen konnte.

Wer hätte auch wissen können, daß er sich den Smoking, der zum Abendessen in der Messe gefordert war, in der Pfandleihe geborgt hatte. Er kannte den Chef des Pfandleihhauses und der wiederum wußte, daß der Besitzer des Smokings nicht vor vier Wochen würde auslösen können, es sei denn, es passierte ein Wunder. Aber wann passiert einem Spieler schon mal ein Wunder? Hilbig, also der, von dem alle glaubten, daß er ein ehrbarer Mensch sei, zumindest hier auf dem Schiff glaubten sie das, Hilbig hätte sich nicht einmal den Smoking leihen können. Mit kühlem Kopf hatte er die Reise gebucht. Dreitausendvierhundertsechsundsiebzig Euro. Für vierzehn Tage. Ansonsten lebte er davon ein Jahr. Mindestens. Aber ehe das Finanzamt den Irrtum bemerkte, er hatte aus heiterem Himmel eine Steuerrückzahlung über dreitausendvierhundertsechsundsiebzig Euro erhalten, und gerade, als er den Schein des Finanzamtes auf den Tisch legte, fiel sein Blick auf die Werbepost und mithin auf die Offerte der "Titania", des größten Kreuzfahrtschiffes der Welt, und da stand die Reise: Schnäppchen: Drei Wochen Kreuzfahrt in aller Welt für nur dreitausendvierhundersechsundsiebzig Euro. Mit der heißesten Bordkapelle der Welt, den "Dear Old Titania Stompers", die aus einem etwas lange über die Meere gefahrenen und dabei heruntergekommenen Gitarrenspielers zigeunerhaften Aussehens und mehreren adretten Damen, die dem musizierenden Musikständer Form, Melodie und Rhythmus gaben, bestanden und so im Prospekt ordentlich herausgestellt waren.

Hilbig hatte erst ungläubig auf den Finanzamtsbrief und dann auf die Offerte geschaut und schließlich seinen Entschluß gefaßt. Und schon war er damals zur Bäckerin gelaufen, im Laden, unten im Haus. Sie ließ ihn, wie immer, telefonieren. Seine Telefonleitung hatte die Telekom seinerzeit still gelegt. "Ich hätte nicht gedacht", hatte er damals zur Bäckerin zu sagen, "daß die Telekom in solcher Weise rücksichtsvoll agieren kann. Sie müssen wissen, daß ein Poet die Stille braucht, aus der er schöpfen kann. Sie haben die Leitung einfach abgeklemmt und seither können mich, beispielsweise, meine Schuldner nicht mehr erreichen. Sehr praktisch, diese Telekom. " Die Bäckerin sagte, wie immer, "Jaja, Hilbig, erstaunlich, wie sie alle Rücksicht nehmen. Kommt eigentlich auch niemand mehr zu dir." Hilbig nickte. "Keiner mehr." echote er. "Bärbel", sagte er dann, "Bärbel, ich mache eine Kreuzfahrt." Er strahlte über das ganze Gesicht. Bärbel tippte sich an die Stirn, "Kreuzfahrt? Du? Die brauchen keine Heizer mehr. Und als Matrose gehst du auch nicht durch. Da siehst du viel zu europäisch aus." Hilbig ließ sich nicht beirren und buchte auf der Titania.

Das Schiff enttäuschte Hilbig nicht. Es machte seinem Namen Ehre. Es ging unter. Wie auf dem großen Vorbild spielte die Band bis zum Abrauschen des Schiffes in die Tiefe. Der einzige, wirklich der Einzige, der mit dem Leben davonkam, war Hilbig. Als er wieder aufwachte, befand er sich am Strand einer sonnenüberschienenen kleinen Insel, auf der man genau 47, 53 Meter zurücklegen mußte, um vom Nordstrand zum Südstrand zu gelangen. Eine kleine amerikanische Flagge wehte an einem Masten, der als einziges Inselmobiliar in den Boden gerammt war. Dream Island stand quer über dem Mast, am Schluß mit Slash versehen und, daß es auch der Dümmste weiß, wem das Eiland denn nun wirklich gehörte, stand hinter dem Slash USA. Ach, und noch etwas sahen Hilbigs erstaunte Augen: Mitten auf der Insel lag ein kleines, silbernes Kästchen mit einem goldenen Vorhängeschloß ohne Schlüssel. Auf dem silbernen Deckel, das hatte er der gleißenden Sonne wegen vorher nicht sehen können, stand als Gravur das kleine Wörtchen "Amo". Hilbig sah sich spontan als Siebenkläßler im Lateinunterricht: Amo, amas, amat... Ich liebe, du liebst, er, sie, es liebt... amamus... wir lieben... Liebesbriefe auf einer einsamen Insel, was ein Glück." Hilbig nahm einen Stein und schlug dem Silberding quer über die Gravur. Zunächst erklang nicht mehr als ein Ton. Noch ein Ton. Eher ein Mißton. Dann öffnete sich der Kasten. Auf seinem Grund lagen zehn Postkarten mit einer seltsamen Fotografie. Ein langer Flur war darauf zu sehen, mit einer Tür am Ende des Ganges. "Scheiße", dachte Hilbig, "wäre es doch wenigstens ein Buch gewesen." Aber kaum hatte er daran gedacht, schlief er bereits ein...

Jahre später erhielt die Bäckerin ein Päckchen mit einem ramponierten silbernen Kästchen, deren ramponierte Gravur das Wörtchen Mu zu enthalten schien, was die Bäckerin auf sich bezog. Sie war, was eine Dame, mittleren Alters inzwischen, bei dem Anblick dieser beiden Buchstaben empfand, empört. Wer mag sich da einen Scherz auf ihre Kosten erlauben wollen? Mich eine Kuh zu schelten. Empört warf sie die Schachtel, ohne auch nur einmal hineinzublicken, in die Mülltonne. Hätte sie doch nur einmal hineingeblickt, sie hätte 10 beschriebene Postkarten lesen können, an sie adressiert. Aufgefunden worden war das Kästchen mit den Karten neben den skelettierten Resten eines unbekannten Toten auf einer kleinen Insel, über dem an einem Masten eine beinahe weiße, ausgeblichene Fahne wehte... Der Kapitän eines amerikanischen Torpedobootes hatte hier haltmachen lassen, um die Flagge zu wechseln und war dabei über die kleine Schatulle gestolpert. Hilbig hatte sämtliche Postkarten mit feiner Handschrift adressiert. So war es ein Leichtes, die Post zuzustellen. Hätte die Bäckerin nur genauer hingesehen und das Kästchen geöffnet, dann hätte sie gelesen, was auf der Gravur wirklich stand: Amo statt Mu, also "Ich liebe". Und hätte zur Belohnung alle die an sie gerichteten Postkarten in der Hand halten können. Statt dessen landeten sie im Müll. Schließlich hatte sie ihm ja schon zu Lebzeiten nie zugehört, weshalb sollte sie ihren Hilbig jetzt lesen?

 

Die 1. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz unserer wunderbaren Stadt Magdeburg

Meine liebe Bäckerin, liebste Bärbel,

ich sehne mich nach Magdeburg. Was für eine propere, pulsierende Stadt. Welch Leben am Hassel, sogar Bomben gehen dort hoch, wenn die Fußgänger gerade nicht da sind. Aber hier, verstehst du, meine liebe Bäckerin, hier, auf dieser Insel von etwa fünfzig Metern im Geviert, ist der Hund begraben. Links Gischt, rechts Gischt, vorn und hinten auch. Ein Schrei, meine Liebe, ein Schrei wäre hier so nutzlos wie eine Lesung schönster Poesie in Magdeburg. Und doch, was ist doch die Sehnsucht für eine große Kraft...

Dein Hilbig, der Sehnsüchtige

 

Die 2. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer der letzten Städte auf dieser Welt, die mit der Schließung der Volksbäder die Tradition der proletarischen Eros-Center kappte

Meine liebste Bäckerin, Inhaberin zweier wohlgerundeter Hokkaido-Kürbisse unterhalb des Busenblattes deines Decolletés...

Ich hasse Orte, an denen niemand seine Tage haben kann.

Hilbig, etwas rattig

 

Die 3. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz des einzigen Ortes auf dieser Welt, dem die dort lebenden Dichter bescheinigten, daß, wolle man die Dichter ausrotten, man sie nach dieser Stadt verbringen müsse

Meine liebste Bäckerin, verehrte Bärbel,

hier ist die selbe Öde wie in Magdeburg vor jeder Kirchentür. Ich schreibe Liebesgedichte und lese sie meiner amerikanischen Flagge vor. Sie knattert dann im Wind, als wollte sie mich erschießen. Ich glaube, sie hasst Gedichte. Insofern fühle ich mich auch bereits ein wenig heimisch. Dichterlos ist Heimatlos. Und heimatlos zu sein ist das Los des Magdeburgers. Dein Gehilbigter

 

Die 4. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die über Jahrhunderte jegliche Bedeutung, die sie auch nur ahnte, daß sie auf sie zukäme, sofort aufs Neue flugs verlor, wie der flinke Vogel seine Scheiße.

Meine liebstes Bärbele, alte Bäckersemmel,

wer sein Unvermögen nicht vorzeigen kann, wird es nie zu etwas bringen. Vogelkot fällt als eine natürliche Einrichtung manchmal im Steilflug auf die Glatze eines Mannes und seine Haare wachsen trotzdem nicht. Wir müssen uns auch einmal über die Sünde unterhalten. Haben Heilige wenigstens sich selbst befleckt?

Ratlos. Dein Hilbi

 

Die 5. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die um Ottos wegen Rom kopieren sollte, als wüsste die Welt auch nur einen Weg, der in diese Stadt führen sollte...

Liebste Bäckerin,

der Sir Peter, der Ustinov also, bevor er starb, antwortete, befragt, welches Buch er auf eine einsame Insel mitnehmen wolle: "Keines, sondern Papier zum Schreiben." Wer solches sagt, wird um das Sterben nicht herumkommen. Aber wenigstens taugt die Karte für ein Gedicht:

wenn der raum die wände verliert, stirbt die geborgenheit. möglicherweise verlaufen sich auch die augen, die uns überwachen. ganz gewiss jedoch findet der mund, der uns küßte, den halt nicht mehr.

Hilbig, irrdichternd...

 

Die 6. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, in der einzig das Vakuum auf Dauer seine Heimat fand...

Liebste Bäckerin,

Es ist ungnädig heiß auf diesem baumlosen Eiland. Ich wünschte mir hier die Kunst des Magdeburger Deckelns, daß man die Hitze nicht so erlebe. Sobald das Licht von irgendeiner Existenz Kenntnis nimmt, kann man sie unter dem Deckel auf ewig verbergen. Wie es die Stadt schaffte, den Eklat im Dom vor aller Welt zu vertuschen, als die Saubilder vom Weidenbach, dem Meisterschüler Willi Sittes, natürlich, heimlich und gegen den Willen des Künstlers abgehängt wurden. Ein deutscher Dom darf auch nach Barlach nur rein bleiben und die Kunst wird ihn nicht beschmutzen. Am wenigsten dieses ungesunde Gepinsel dieses malerischen Mösenpoeten. Ich werde das auf dieser Insel auch einführen: Daß das Volks sich nicht an der Kunst erhitze, wird die der Kultur beigeordnet. So einfach lautet der Trick. Heil. Hilbig.

 

Die 7. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die seit Beginn immer schon am Rand ihrer jeweiligen Existenz lebte, damit sie ihre Mitte gar nicht erst finden müsse...

Mein allerliebstes, edelheißes Bärbelkind,

nachts träume ich von Plisseeröcken. Mädchen mit Tropfenfängern zwischen den Beinen lesen sich gegenseitig meine Gedichte vor, die ich über dich schrieb. Ich will nicht Hilbig heißen, Liebste, wenn ich dich nicht über den Tresen lege, sollte ich jemals wieder die Elbe wiedersehen. Manchmal sehe ich Frauenwasser die Flaggenstange hinablaufen, als wäre es ein Frauenbein... Ich muß mich mit Gewalt zum Schlafen bringen. Verzeih.

Woher kommen die Stimmen, all diese Stimmen in mir? Hilbig, ja.

 

Die 8. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt... was für einer Stadt eigentlich? Wer in Magdeburg eine Stadt sieht, dem muß im Menschen das Göttliche begegnet sein, auf Augenhöhe!

Bäckerin, du meine, liebes Bärbel, schönes Kind,

laß es dir doch von 1-Euro-Kräften besorgen. Es heißt, sie sind willig und wissen nicht, wohin mit ihrer Kraft.

Mir versiegt sie im Sand auf dieser unseligen Insel.

Hilbig mit gerissenen Lippen

 

Die 9. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, deren erstes Innovations- und Gründerzentrum eine Festung war

Bärbel!

Ich träume davon, wie das Wasser dir wie Gemsen über Felsvorsprünge über deinen Busen springt:

morgens möchte ich dein wasser sein,
zart und wild werd ich dich umfließen.
sollt ich auch ein wenig nasser sein,
so will ich dich in dir genießen.

Nicht nur Dichter waren hier eingesperrt. Wir brachten alles hinter Gitter, was wir kriegen konnten. Meist kluge Leute. Irgendwie muß man denen ja helfen, wenn sie drohen, sich zu verzetteln. Die Karten gehen zu Ende, Liebste. Meine Kraft auch. Hilbig

 

Die 10. Postkarte
Gegeben im 13. Jahrhundert der Existenz einer Stadt, die am Ende ihrer Geschichte plötzlich als Hauptstadt eines Landes von Frühaufstehern gilt...

Schnuckelchen, liebstes Bärbelein,

ich habe mich immer gefragt, wohin dieser enge Gang, der Flur sozusagen, den man auf diesen unseligen Postkarten sieht, führt. Jetzt, wo es beinahe zu spät ist, durfte ich es erfahren. Es ist der Weg ins Land der Frühaufsteher. Nur er kann so beengend sein. Wenn dich die senile Bettflucht antreibt, malst du dir zwangsläufig eine Tür an das Ende eines jeden Ganges, in der Hoffnung, die Tür noch vor der Katastrophe zu erreichen. Wenn nichts mehr hilft und die Hoffnung mit dem Tode Kirschen essen gegangen ist, dann, so denkt man, kann nur noch eine Frühauferstehung die Not abwenden. Ach, was trügt der Schein doch übel. Mir scheint, die Politiker haben nicht verstanden, daß den Aufständigen die Beunruhigung ins Bett gelegt ist. Ich werde wohl dahin sein, wenn die Revolution ausbricht. Aber ich sehe sie noch das junge Haupt wieder schütteln. Und wie ein Zeichen davon blaßt die merkwürdige Flagge zu meinen Häupten aus. Sie ähnelt immer mehr dem Slip einer fröhlich in die Inkontinenz gesprungenen forschen Mittfünfzigerin.

Bäckerin, Liebste, scheu den Frieden einer Stadt wie der Teufel das Weihwasser!

Ich hätte dir gern bei der Revolution geholfen. Hilbig. Die Hand, die schrieb, sie fließt bereits auseinander...

 

 




 

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