Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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R. Reimann

 

Das Sittlichkeitsdelikt
Unvollständiges Protokoll einer Gerichtsverhandlung

DER ZEUGE: Im Anfang war der Mensch ein Tier. Dieser Anfang ist noch nicht vorüber. Ich kann das nicht oft genug betonen. Viele wollen das nicht wahrhaben und wundern sich, wenn ihnen etwas zustößt, was unter Tieren alltäglich ist. Sie brechen in Ach- und Wehgeschrei aus, und das alles nur, weil sie verzogen und verbildet sind. Verzogen durch eine kranke Moral und verbildet durch die Schule, wo ihnen ein Haufen Unsinn eingebläut worden ist.


Die Welt ist sehr einfach zu verstehen Was will, zum Beispiel, der Hirsch: Fraß, Schlaf und Beischlaf, und manchmal trinkt er Wasser. Futter sucht er im Wald und auf der Lichtung, Schlaf findet er überall, Wasser gibt es in jeder Pfütze, und was den Beischlaf angeht, so benutzt er, was gerade erreichbar ist. Häufig kämpft er auf der Lichtung gegen einen Rivalen. Der Hirschkuh ist ziemlich egal, wer gewinnt. Jede Hirschkuh weiß indes, daß sie fällig ist, sofern sie sich in die Nähe eines Hirsches begibt. Sie will auch fällig sein, muß der Ehrlichkeit halber hinzugefügt werden, denn sie ist brünstig. Auch der Hirschbock ist brünstig, sonst vermiede er den Kampf auf der Lichtung.


Im Unterschied zum Hirschbock, der relativ geregelte Brunstzeiten hat, ist der Mensch ständig brünstig. Ansonsten ist der Mensch, wie erwähnt, dem Tiere gleich. Darum sollte jedes Weib damit rechnen, daß sie fällig ist, wenn sie in der Nähe von Männern frei herumläuft und keinen starken Beschützer bei sich hat. Das ist etwas völlig Normales. Gesetze und Konventionen befördern, daß der Mann vornehmlich nachts auf der Ranz ist, und darum sollte sich ein Weib, das gerade keine Lust darauf hat, besamt zu werden, nachts nicht hinausbegeben. Das ist die einfachste Lösung. Ich kenne die Klägerin schon geraume Zeit. Sie ist an sich leicht herumzukriegen. Das habe ich oft genug durch mein Dämmerungsfernglas beobachten können. Sie wohnt mir gegenüber und zieht nie die Vorhänge zu. Ihre Aussage, daß sie gern ins Theater gehe, kann ich weder bestätigen noch dementieren; ich weiß nur, daß sie leicht herumzukriegen ist. Davon habe ich mich, wie gesagt, ...zigmal mit eigenen Augen überzeugen können.


An dem Abend, als sie vorgeblich aus dem Theater kam und kurz vor ihrer Haustür besprungen wurde, saß ich auf dem Balkon und trank Waldmeisterbowle. Ich war erst beim vierten Glas, also noch völlig klar. Sie müssen wissen, daß ich niemals Schnaps in der Bowle dulde; ich mache sogar den Ansatz mit Wein. Er muß dann nur lange genug ziehen. Ich sah sie kommen. Der Mann sprang aus seinem Versteck und griff ihr zunächst an die Brust. Sie blickte verdutzt drein. Dann hielt ihr der Mann ein Taschentuch vor die Nase, und sie sank zu Boden.


Um nichts zu verpassen, schenkte ich mir das fünfte Glas Waldmeisterbowle sehr rasch ein, zu rasch, denn ich verschüttete ein wenig. Darüber ärgerte ich mich. Waldmeisterbowle ist ein sehr kostbares Getränk, kostbarer als Rosenbowle.


Der Mann sog ihr den Rock hoch und den Schlüpfer herunter, holte sein Ding heraus und steckte es in sie hinein. Er wirkte sehr professionell. Sie wehrte sich nicht. Er war nach etwa zweieinhalb Minuten fertig und ging dann wieder seiner Wege. Siebenundzanzig Minuten später stand die Frau auf und ging ihrer Wege.


In ihrem Schlafzimmer angelangt, entnahm sie ihrer Handtasche einen mittelgroßen Gummipenis und besorgte es sich selbst. Manche kriegen nie genug, vor allem während der Hauptbrunftzeit nicht. Das ist alles sehr natürlich. Die Tatsache, daß der Angeklagte verheiratet ist und vier Kinder hat, sollte meiner Meinung nach als mildernder Umstand angesehen werden.

Auch der Hirsch ist nicht monogam, und eine Frau, die vier Kinder zur Welt gebracht hat, reizt nicht mehr jeden. Sie haben keine Vorstellung davon, wieviele arme Schweine es auf dieser Welt gibt. Ich kenne Schicksale ..., aber das gehört nicht hierher. Eigentlich bin ich jetzt am Ende meiner Ausführungen. Allerdings möchte ich mir nochmals anheimzugeben gestatten, daß man bereits den Kindern in der Schule einbläuen sollte, daß sie Tiere sind. Das dürfen sie zeitlebens nie vergessen. Dann braucht sich nachher niemand zu wundern.

DER STAATSANWALT: Herr Zeuge, warum haben Sie der Klägerin nicht geholfen?

DER ZEUGE: Wann? Wobei? Ich bin schon lange impotent.

DER STAATSANWALT: Sie haben doch gesehen, wie sie überfallen wurde.

DER ZEUGE: Überfallen? Sie wurde nicht überfallen. Das haben Sie jetzt behauptet. Ein Überfall ist etwas ganz anderes.

DER STAATSANWALT: Die Klägerin ist vergewaltigt worden, Herr Zeuge!

DER ZEUGE: Vergewohltätigt. Ich habe doch des langen und des breiten erklärt, daß sie leicht herumzukriegen war. Ich glaube, sie war auf Beischlaf aus. Das muß man doch vermuten, wenn eine Frau nachts frei herumläuft. Aber wir drehen uns im Kreise. Ich lehne es ab, alles hundertmal zu erklären.

DER STAATSANWALT: Wenigstens die Polizei hätten Sie benachrichtigen können ...

DER ZEUGE: Ich glaube nicht, daß die Polizei für derartige Fälle zuständig ist. - Unbefriedigte Frauen! Polizisten sind keine Gigolos. Beleidigen Sie nicht die Polizei!

DER STAATSANWALT: Keine weiteren Fragen.

 

 




 

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