Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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R. Reimann

 

Geburtstag

Ich war betrunken nach Hause gekommen und suchte vor der Haustür nach dem Schlüsselbund. Es war stockfinster. Nur ein Fenster war erleuchtet. Meines. Ich mußte, bevor ich losgegangen war, vergessen haben, das Licht auszudrehen. Um besser sehen zu können, torkelte ich in Richtung des Lichtreflexes, der von meinem Fenster auf den Schnee fiel. Dabei glitt ich in einer breiigen Masse aus, die ich im Liegen als Erbrochenes identifizierte. Es mußte ziemlich frisch sein, was ich daran erkannte, daß es nicht gefroren war, sogar noch ein wenig dampfte. Es bestand aus Pizza, Bockbier und der unabdingbaren Magensäure. Möglicherweise enthielt es auch Wodka oder Korn. Um herauszukriegen, ob Wodka oder Korn dabei war, kostete ich. Es schmeckte weder nach Wodka noch nach Korn. Ich kostete ein zweites Mal und stellte fest, daß das, was ich ursprünglich für Wodka oder Korn gehalten hatte, billiger Weinbrand war.


Ich versuchte, mich zu erheben, um die Kontur des Fladens erkennen zu können. Vier ernsthaften Versuchen waren Mißerfolge beschieden, weshalb ich eine Zeitlang in Erwägung zog, liegenzubleiben. Indes schien Eile geboten, denn es stand zu befürchten, daß sich die Kontur des Fladens infolge des Überfrierens erheblich veränderte. Ich beschloß, zur Hauswand zu kriechen, um mich am Blitzableiter emporzuziehen.


Vor dem Blitzableiter stand ein weicher Gegenstand, den ich für einen zusammengerollten und verschnürten Perserteppich hielt, der offenbar von jemandem vergessen worden war. Er sank, als ich ihn berührte, sanft nieder, so daß der Weg frei wurde und ich mich hochziehen konnte.


Nun hatte ich Gelegenheit, den Fladen zu betrachten. Er lag günstig im Licht. Seine Kontur kam mir sofort bekannt vor. Nach einigem Überlegen besann ich mich darauf, wo ich diese Kontur schon einmal gesehen hatte: Ihre Form war identisch mit der von Robert Louis Stevensons Schatzinsel!


Natürlich wähnte ich sofort, daß dies etwas zu bedeuten habe, und in der Tat gewahrte ich inmitten des Breis eines matt glänzenden Gegenstandes. Ich schob mich vorsichtig zu Boden und kroch erneut zu dem Fladen hin.


Alles war jetzt hart gefroren. Ich brach mir, da ich mich des matt glänzenden Gegenstandes bemächtigen wollte, einen Fingernagel ab. Dann kam mir die Idee, den matt glänzenden Gegenstand freizulutschen. Dies gelang mühelos. Ich fragte mich, weshalb mir diese simple Eingebung nicht früher gekommen war und schob es auf meinen trunkenen Zustand. Der Gegenstand erwies sich als eine Amalgamplombe von der Größe einer abgebrochenen Bleistiftspitze. Ich bedauerte, daß es keine Goldplombe war, die ich am darauffolgenden Tag hätte umrubeln und vertrinken können. Enttäuscht wälzte ich mich zurück in Richtung des Blitzableiters. Dabei bemerkte ich voller Erstaunen, daß von dem Objekt, das ich bis dahin für einen Teppich gehalten hatte, ein leises Röcheln ausging. Ich erkannte ein Individuum von undefinierbarem Alter, das ein Messer im Bauch stecken hatte, stark zu bluten schien und erbärmlich aus dem Mund stank. Unzweifelhaft war der Fladen von ihm. Es mußte sich übergeben haben, bevor es das Messer in den Bauch bekam; ja wahrscheinlich hatte es das Messer als Bestrafung für seine Tat im Bauch.
Auf meine Frage, ob ich ihm behilflich sein könne, bat mich das Individuum, ihm das Messer aus dem Bauch zu ziehen. Ich gab zu bedenken, daß diese Handreichung den Verblutungsprozeß beschleunigen würde, worauf das Individuum heftig nickte und mich ansah, als sei ich der Messias. Ich entfernte das Messer und steckte es, da ich im Augenblick nicht wußte wohin damit, in die linke Hosentasche. Mir blieb nur die linke Hosentasche, da ich auf der rechten Seite lag. Das Individuum röchelte noch einmal kurz und verendete.


Ich überlegte, ob ich bei dem Leichnam bleiben sollte, wurde aber plötzlich von dem Lichtreflex auf dem Schnee daran erinnert, daß ich in meine Wohnung mußte; wenigstens, um das Licht auszudrehen. In bewährter Manier zog ich mich am Blitzableiter hoch, der mich auf den Gedanken brachte, über das Fenster in meine Wohnung einzusteigen, sofern der Schlüssel unauffindbar bleiben würde. Blitzableiter sind gute Hilfen beim Fassadenklettern.
Beim Durchwühlen meiner Taschen schnitt ich mich an dem Messer, das ich völlig vergessen hatte und das schärfer zu sein schien als eine Rasierklinge, in die linke Hand. Ich befürchtete sofort, daß dieses Mißgeschick das Klettern am Blitzableiter erschweren könnte. Schmerz spürte ich zwar dank meines Zustandes keinen - im Gegenteil, mein Blut, dessen Temperatur sich stets um 36,02 Grad Celsius einpegelt, heizte die linke Hand angenehm auf -, aber die Gefahr des Abrutschens bestand. Ich hatte jedoch keine Wahl, da meine Suche nach dem Schlüssel erfolglos blieb.


Erfreulicherweise erwiesen sich meine Befürchtungen als unbegründet. Flugs war ich die drei Etagen emporgeklommen.
Just in dem Moment, da ich durch das Fenster einzusteigen im Begriffe stand, kamen die beiden Polizisten. Einer befahl mir, ich solle auf der Stelle herunterkommen. Ich versicherte, daß ich sofort kommen würde, allerdings durch das Treppenhaus, was relativ ungefährlich war.
Der Einstieg in die Wohnung bereitete mir keinerlei Mühe. So lange ich zurückdenken kann, fehlen die Scheiben meiner Fenster. Neue einsetzen zu lassen halte ich für absolut unnötig; Fensterscheiben gehen immer wieder zu Bruch. Befehle von Polizisten führe ich grundsätzlich und so rasch als möglich aus. Allein stand ich in diesem Falle vor einem Problem: Wie sollte ich ins Treppenhaus gelangen? Da ich keinen Zweitschlüssel besitze, versuchte ich, die Wohnungstür von innen mit einem Stuhlbein aufzubrechen. Die Zeit verging. Ich rutschte immer wieder ab und mußte ständig neu ansetzen.
Zu meiner Verblüffung öffnete sich plötzlich die Wohnungstür. Einer der beiden Polizisten trat ein und nahm mir blitzschnell das Stuhlbein aus den Händen. Ich hatte die Wohnungstür, bevor ich ausgegangen war, nicht abgeschlossen. Auf meine Frage, wie er durch die Haustür gelangt sei, antwortete der Polizist, daß auch diese unverschlossen gewesen wäre. Dies setzte mich erneut in Erstaunen, denn sonst ist die Haustür stets abgeschlossen. Ich wohne mit lauter Spießern im Haus.


Der andere Polizist bewachte offenbar die Leiche, während der in meiner Wohnung, dem das Grün der Uniform ausgezeichnet stand, was nicht von jedem Polizisten gesagt werden kann, fragte, ob ich den Mann draußen erstochen hätte.


- Das weiß ich nicht genau, entgegnete ich. Ich weiß nur, daß ich ihm das Messer aus dem Bauch gezogen habe, weil er mich darum gebeten hat.
- Wieso wissen Sie denn nicht, ob sie den Mann erstochen haben? fragte er.
- Ich bin betrunken, antwortete ich.
- Haben Sie das Messer noch? fragte er.
- Ich glaube, antwortete ich.
- Her damit! befahl er.
Ich fand es sofort und händigte es ihm ein. Er steckte es in eine Plastiktüte.
- Ist das Ihre Wohnung, in der wir uns hier befinden? fragte er.
Ich bejahte.
- Wieso steigen Sie über den Blitzableiter in Ihre Wohnung ein? fragte er.
- Ich konnte mein Schlüsselbund nicht finden, antwortete ich. - Sie haben Ihr Schlüsselbund inzwischen gefunden, stellte er fest.
- Nein. Wie kommen Sie darauf?
- Ihre Wohnungstür ist offen.
Das klang logisch.
- Ich muß vergessen haben, die Wohnungstür abzuschließen, bekannte ich. Möglicherweise habe ich den Schlüssel gar nicht mitgenommen.
Ich überlegte kurz. In aller Regel pflegte ich das Schlüsselbund unter dem Ofen aufzubewahren. Als ich mich anschickte, dort nach dem Schlüsselbund zu suchen, hielt mich der Polizist zurück.
- Halt! zischte er. Wohin? fragte er.
- Ich wollte eben nachsehen, ob das Schlüsselbund unter dem Ofen liegt, antwortete ich.
- Wieso unter dem Ofen? fragte er.
- Es liegt immer unter dem Ofen, wenn es nicht woanders liegt, antwortete ich.
- Sie sind mir nicht geheuer. Zeigen Sie mir Ihre Papiere, sagte er.
- Der Ausweis liegt ebenfalls unter dem Ofen, sagte ich.
- Aus welchem Grunde bewahren Sie die wichtigsten Sachen ausgerechnet unter dem Ofen auf? fragte er.
- Da kommt der wenigste Staub hin, antwortete ich.
- Ihre Papiere könnten leicht Feuer fangen unter dem Ofen, gab er zu bedenken.
- Ich heize niemals, beruhigte ich ihn. Der Ofen rußt.
Unter dem Ofen lag mehr Staub, als ich vermutet hatte. Auch das Schlüsselbund und der Ausweis lagen unter dem Ofen. Der Polizist, der mir zum Ofen gefolgt war, beließ mir das Schlüsselbund, entriß mir jedoch den Ausweis.
- Sie heißen? fragte er und blickte dabei in den Ausweis.
- Wie meinen?
- Wie Sie heißen, will ich wissen, herrgottnochmal.
- Steht das nicht da drin? fragte ich.
- Doch, antwortete er. Wie heißen Sie? fragte er neuerlich.
- Können Sie nicht lesen? fragte ich voller Mitleid.
- Werden Sie nicht dreist! Ich weiß ja, daß man uns so allerhand nachsagt, aber soviel Frechheit ist selten. Reißen Sie sich bloß zusammen? Also, wie heißen Sie?
Ich wußte nicht, wie das ging, sich zusammenreißen, zog aber vorsichtshalber an meinem Mantel, wobei hinten, an der Stelle, wo der Halbgürtel eingenäht ist, tatsächlich eine Naht riß. Der Polizist indes wurde ungehalten.
- Wie Sie heißen! rief er zornig.
- Ich weiß es nicht. Es ist mir momentan entfallen, antwortete ich.
- Heißen Sie Rhoderich Schumann? fragte der Polizist resigniert.
- Wenn es da drin steht, heiße ich sicherlich ... - was sagten Sie, wie ich heißen soll?
- R h o d e r i c h   S c h u m a n n, skandierte er.
- Ja, jetzt erinnere ich mich. Ich heiße Rhoderich Schumann. Aber noch nicht immer, sagte ich.
- Ach so, das ist ja interessant, Herr Schumann, sagte er. Wie heißen Sie denn wirklich? fragte er.
- Rhoderich Schumann, sagte ich.
- Und wie hießen Sie vorher, wenn Sie noch nicht immer so heißen? fragte er.
- Rhoderich Beutelhase.
Ich ahnte, was er als nächstes fragen würde und sprach aus diesem Grunde gleich weiter:
- Meine Mutter heiratete meinen Vater erst 108 Tage nach meiner Geburt. Bis zur Hochzeit meiner Eltern hieß ich Rhoderich Beutelhase. Meine Mutter und ich nahmen dann den Namen meines Vaters an. Zwar bin ich damals nicht gefragt worden, doch mir ist es recht, daß es so gekommen ist, wie es gekommen ist, denn Beutelhase klingt nicht sonderlich intelligent. Finden Sie nicht auch?
- Zweifellos, sagte der Polizist und sah mich an, als hätte ich versucht, ihm das Streichholz, mit dem er sich gerade eine Zigarette anzündete, auszublasen. Dann fragte er:
- Haben Sie einen Aschenbecher, Herr Schumann? Ich holte mein Exemplar unter dem Ofen hervor. Der Polizist lachte zunächst, wurde jedoch etwa zweieinhalb Minuten später wieder ernst und fragte:
- Wann sind Sie geboren, Herr Schumann?
- Im Winter, antwortete ich. Im Dezember. Am vierundzwanzigsten. Neunzehnhundertsechzehn. Ich bin ein typisches Kriegskind.
- Stimmt, stellte er, in seinen Ausweis blickend, fest. Also haben Sie heute Geburtstag. Den zweiundsiebzigsten. Alle Achtung!
- Ich habe morgen Geburtstag, wenn ich mich nicht irre.
- Es ist bereits morgen, Herr Schumann. Es ist null Uhr siebzehn. Herzlichen Glückwunsch auch!
- Dankeschön.
- Naja, fuhr der Polizist fort, wie ein Messerstecher sehen Sie nicht aus. Sie sind zu schwächlich, um jemanden erstechen zu können. Dennoch bitte ich Sie, mit mir zu kommen.
Als ich mich zum Gehen anschickte, fragte er mich, ob ich mich nicht umziehen wolle.
- Umziehen kann ich mich nicht, antwortete ich.
- Wechseln Sie niemals Ihre Sachen? fragte er.
- Ich gehöre nicht zu den Leuten, die gern Ihre Sachen wechseln, antwortete ich. Ich habe noch nie gern meine Sachen gewechselt. Schon als Kind nicht. Das verursachte mir immer Qualen.
- Aber Sie stinken doch, Herr Schumann, und sind ganz voll von Erbrochenem, sagte er.
- Der Gestank verriecht sich mit der Zeit, und das Zeug fällt ab, wenn es erst trocken ist, sagte ich. Es gibt Schlimmeres. Man muß nur etwas Geduld haben, dann erledigt sich vieles von selbst.
- Also gut, sagte er. Kommen Sie, gehen wir. Vergessen Sie nicht, das Licht zu löschen und die Tür abzuschließen.
- Gut, daß Sie mich daran erinnern, sagte ich. Ich hätte das wieder alles vergessen. Da können Sie mal sehen, wie betrunken ich bin.
- Sie betrinken sich wohl des öfteren, Herr Schumann? fragte er.
- Jeden Tag, antwortete ich. Es macht mir einen Heidenspaß. Nüchtern ist das Leben langweilig. Betrinken Sie sich nie? fragte ich. Das wäre schade.
- Ich bin es, der hier die Fragen stellt, antwortete er.
- Entschuldigen Sie bitte, sagte ich, das hatte ich ganz vergessen. Vielleicht bin ich diesmal doch zu betrunken.


Die beiden Polizisten warteten auf dem Bürgersteig, bis ein Funkstreifenwagen andere Polizisten heranbrachte. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, daß der Polizist, der bei dem Toten geblieben war, etwas kleiner war als sein Kollege. Die Leiche blutete schon lange nicht mehr. Der Mensch hat nur begrenzt Blut zur Verfügung.


Nach dem Eintreffen des Funkstreifenwagens dauerte es etwa siebenundzwanzig Minuten, bis zwei oder drei von den Funkstreifenwagenpolizisten mich zum Polizeirevier fuhren. Sie waren ausnahmslos freundlich und erkundigten sich nach meinem Befinden.


Auf dem Revier fragten mich zwei Revierpolizisten nach meinen letzten Erlebnissen. Ich fand das sehr nett, denn sonst fragt mich niemand nach meinen Erlebnissen. Deshalb habe ich mich gern bereitgefunden, diesen Bericht zu schreiben. Ungefragt erzähle oder schreibe ich überhaupt nichts.
Es liegt mir am Herzen, dem gängigen Vorurteil, Polizisten seien grundsätzlich unfreundlich, hier entschieden zu widersprechen. Nötigenfalls wäre ich diese Aussage zu beeiden jederzeit imstande.

 

 




 

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