Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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R. Reimann

 

Extramoralia

1

Sie sollten heiraten, Herr Professor Nietzsche! - Das überlegen sich Cosima und Richard in Tribschen. Sie sind gerade fertig. Gelöst. Reden jetzt. Denn Wagner rauchte nicht. Reden über den möhrenfressenden Professor Nietzsche. Der sollte wirklich heiraten. Cosima und Richard haben hoffentlich gelacht, als ihnen dieser Witz kam.
Tags drauf wird Nietzsche der Befehl übermittelt: Es kam Cosima und Richard doch gar zu gut an letzte Nacht.
So wäre der Möhrennietzsche zur Bescheidenheit zu gewinnen gewesen. Als Sekretär. Ohne regelmäßige Kopulation konnte er nicht Sekretär werden. Das wußten Cosima und Richard. Die Dachkammer und die Concubine für den Möhrennietzsche, und dann gelegentlich sagen: Fein gemacht, fein geschrieben.
Ohne Gefäß blieb Nietzsche der gnadenlos zu sich selbst Vertriebene. Weder die Weiber noch die Männer sind die allein Schuldigen. Was zu verbrechen ist, verbrechen sie gemeinsam.

 

2

Freiheit. - Das unterdrückte Ostvolk hat sich nicht selbst befreit, schon gar nicht von einer Diktatur. Der Konsum hat das Ostvolk zum Konsum auf Gedeih und Verderb befreit. Es gibt wenige Einzelne, die handeln, und auch diese in Grenzen. Das Volk handelt nie. Das Volk führt nur aus, wovon es dominiert wird, ist und geht grundsätzlich irre. Des Pöbels Befreiung von den Fesseln ist immer Befreiung zu den Fesseln.

 

3

Bedürfnisse. - Fraß, Schlaf und Beischlaf. Das ist dem Okzidentalen spätestens seit Diogenes von Sinope offenbart. Verpönt worden ist von Religionen vor allem immer der Beischlaf, ob mit anderen, ob mit sich selbst. Mit dem Schwinden der Religionen steht der Okzidentale dem Beischlaf gelassener gegenüber, was offiziell kompensiert wird durch Pervertierungen von Fraß und Schlaf. "Clausthaler" statt Bier, Diät und Abstinenz, Suff und Freßsucht, statt auf den Ruf des Körpers zu reagieren. Überlebenswahn statt Leben. Dabei wird niemand überleben. Es stirbt der Mensch, solang er lebt. Das ist sicher.
Die Trennung von Leben und Tod vollzieht exzessiv das Christentum, die letzte Wahnvorstellung des Abendlandes. Am Christentum ist das Abendland zugrunde gegangen. Konsequente Spätform des Christentums ist die Konsumgesellschaft als letzter Auswurf der Verneinung des Lebens. Gute Nacht, Ameuropa!

 

4

Zeit. - Wer Zeit zu reflektieren beginnt, schneidet seiner Existenz die Flügel ab. Die Verlorenheit des letzten, des funktional funktionierenden Menschen äußert sich darin, daß er keine Zeit hat. Wer keine Zeit hat, existiert nicht.

 

5

Neues Testament. - Eines der vielen unerträglichen Bücher, in denen es nicht eine Stelle gibt, an der herzhaft gelacht werden darf, lesenswert durch die unfreiwillige Komik, die bisher in der Weltliteratur nicht übertroffen ist. Die Evangelien leugnen das Leben in einer Weise, die ihresgleichen nicht kennt. Hätte der Nazarener Blähungen gehabt oder wenigstens irgendwohin geschissen, dann, ja dann hätte er als Erlöser durchgehen dürfen. Aber so? Ein Ekel. Das Ekel par excellence. Das Ur-Über-Ich. Hitlers großer Bruder mit dem Tuch über dem Delikt. Friederike Kempner ist ehrlicher, unverklemmter, weniger komisch als die synoptischen Evangelien.

 

6

Die Deutschen, veröffentlicht. - Keine Publikation offenbart Subversiveres über die Deutschen als "BILD". Hier hat Zynismus sich soweit verselbständigt, daß er direkt zur Wahrheit führt. Permanente Aufklärung. Wer nicht zu lesen weiß, der studiere "Die Zeit" oder den "Spiegel" oder die "Süddeutsche Zeitung". Auch die "Frankfurter Rundschau" beruhigt. Studieren beruhigt.

 

7

Misogyn. - Was Männer können, das können Frauen auch, wenn nicht sogar besser: Dies ist das höchste Eingeständnis weiblicher Resignation vor dem patriarchalischen Prinzip. Geniale Patriarchen, wie Karl Marx, dessen Tochter Jenny Hosen trug und rauchte, sind stets, ob insgeheim oder offen, Verfechter dieser Art Frauenbefreiung, die Versklavung der Frau von Beginn an bedeutet hat und perpetuiert. Die Weiber, die sich dem Unfruchtbaren, dem Denken zu-, dem Leben abwenden, sind der herrschenden Perversität zu Willen.

 

8

Der Weg zum Ich. - Jedes Individuum erfährt seine Ersetzbarkeit; niemand, der der Gesellschaft nicht überflüssig wäre. Die Gesellschaft ist dem Individuum das Destruktive schlechthin. Ergo ist die Gesellschaft zu ignorieren. Jede Assimilierung an die Perversion, die sie konstituiert, führt vom Menschlichen weg. Mensch sein ist in der Gesellschaft nicht möglich. Deshalb führt der Weg des Individuums immer aus der Gesellschaft heraus. Assimilierung bedeutet Subsumtion. Niemand ist der Gesellschaft, jeder sich selbst verpflichtet.
Es ist ein Trugschluß, daß durch materielle, spirituelle, politische oder sonstwelche Macht das Individuum glücklicher würde. Jede Form von Macht wird mit unglücklichem Bewußtsein erkauft. Wo Über-Ich ist, soll zunächst Es werden, und dann nosce te ipsum.

 

9

Liverdun. - Im Unspektakulären ist eher Wahrheit zu finden als im die Masse Begeisternden. Deshalb ziehe ich Liverdun Paris nicht nur vor; für das Erlebnis Liverdun scheiße ich auf Paris. Flaubert, der durch Croisset gerettet wurde, hat mit "L'éducation sentimentale" einen der wahrsten Romane über Paris geschrieben.

 

10

Anonymität. - Einige werden postum geboren. Es scheint geradezu eine Voraussetzung freien Denkens zu sein, in der Anonymität zu leben; gesellschaftliche Anerkennung kompromittiert, kastriert, verstellt den freien Blick. Die Wahrheit ist niemals das, was die manipulierte Masse für die Wahrheit hält. Schopenhauer und Nietzsche sind als Universitätsprofessoren kläglich gescheitert, folgerichtig, denn sie waren zu rein zu sich selbst. Proust und Joyce und Joseph Roth, die ehrlichsten Romanciers dieses Jahrhunderts, wurden niemals mit dem Nobelpreis dekoriert - was ging die der Nobelpreis an? Thomas Mann, der den Nobelpreis bekam, war danach für die Wahrheit erledigt, verstieg sich in abstruse Welterklärung.

 

11

Victor Klemperers Tagebücher im Lichte unserer Erfahrung. - Bei der Lektüre von Victor Klemperers Tagebüchern stellt sich im Lichte unserer Erfahrung heraus, daß die Macht, als praktische und praktizierende Vernunft, lernfähig ist. Die Nazis säuberten die Universitäten nicht etwa abrupt von jüdischen und sonstigen Volksschädlingen, sondern streng nach dem Prinzip divide et impere, so daß Solidarität, ernsthafter Widerstand, gar nicht erst aufkommen konnten. Jeder, den es nicht traf, war zuvorderst froh, daß es ihn nicht traf. Genauso verhielt es sich nach dem Anschluß der DDR an die BRD. Zuerst wurden die Professoren, Dozenten, Assistenten für Marxismus/Leninismus entlassen, dann ehemalige SED-Funktionäre, dann die inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Schließlich, und das war das Perverseste, wurde Professoren um die 60 nahegelegt, doch in den Ruhestand zu treten. All dies geschah ohne jedwede Einzelfallprüfung. Wie der Nationalsozialismus schuf die neue Macht in den angeschlossenen Ländern isolierte und so leicht zu beseitigende Minderheiten. Im Volk, in den nun zu gnadenlosem Konsum befreiten Endverbrauchern, bestand sofort Konsens darüber, daß die, die da abgewickelt wurden, die wirklich Schuldigen an der vorangegangenen Misere waren. Dies ist genau dieselbe falsche Projektion, die zu Adolfs Zeiten dem Antisemitismus zugrunde lag: Die Schuldigen sind immer die anderen. Indem sie sich Feindbilder schafft, verhindert die allgemeine Paranoia der Masse die heilende Regression des Individuums auf seine verlorene Individualität. Heuer laufen die letzten Zeitverträge wenig systemkonformer DDR-Intellektueller aus. (Es gab Instanzen, die Systemnähe zum vorgeblich Bösen bescheinigten oder verwarfen.) Neu ist, daß einige wenige dieser Spezies sogar bleiben dürfen bis zur Pensionierung, als Feigenblätter der Demokratie. Auch wird nicht mehr vergast; Auschwitz war der Kardinalfehler des Tausendjährigen Reichs, und aus ihren Fehlern vermag die Macht zu lernen. Materiell ruiniert, ist der Volksschädling de jure und de facto liquidiert, und das auf eine saubere Weise, ohne Brandgeruch.

 

12

Fremdsprachen. - Hinter dem Erlernen einer fremden Sprache, dem Einfühlen in eine fremde Kultur verbirgt sich die Sehnsucht nach Ausbruch aus repressiven Zuständen im Vaterland. Im zunächst Fremden, Anzueignenden Erlösung zu erhoffen ist der erste Schritt zur Erlösung. Durch den Vergleich eröffnet sich der Weg zur Erkenntnis des Falschen und folglich zur Wahrheit. Dieser Weg führt über die Ursprünge des gezeichneten Ich.

 

13

Geist im Exil. - Durch den Umstand, daß die Deutschen von jeher die Mehrzahl ihrer hervorragendsten Geister ins Exil trieben und treiben, waren und sind sie zum Verbleiben verdammt.

 

14

Monogamie. - Ausschließlichkeit gibt es nur um den Verzicht auf das Ausschließliche.

 

15

Frecher Hund. - "Ich bin Alexander, der große König." "Und ich bin Diogenes, der Hund." Durch Respektlosigkeit vor der Macht wird Macht als Leid an der Macht akzeptiert und regrediert aufs Menschliche, weil sie fühlt, daß es Allmacht über der Macht gibt. Leider immer nur für Augenblicke.

 

16

Diogenes, ein verrückter Sokrates. - Wahrheit ist immer brüsk, will weder erklärt noch erschlossen werden; es gibt auch keine sanftsachte Straße dahin. Wahrheit ist Leben und wie dieses unmittelbar.

 

17

Mathematik. - In der Unterstufe hatten wir bei etwa auftretenden Rechenaufgaben "4 - 5" hinzuschreiben: "= n. l.". Nicht lösbar. Später überraschte man uns mit "-1". Ich empfand das als maßlose Enttäuschung, denn ich erkannte, daß ich von denen, die mich von "-1" in Kenntnis setzten, vorher belogen worden war. Genauso belügt die Mathematik die Mathematiker, die vom verselbständigt Entfremdeten deshalb häufig ihr Heil in einem selbständig Wahren, der Musik, suchen und gelegentlich auch finden. Der Fetisch Mathematik ist exponiertes Signum der Autorität und trägt daher die Tendenz zur Befreiung von Autorität in sich.

 

18

Einsamkeit. - Nietzsche: "Ich kann noch nicht ins Engadin hinauf". Zuviel Schnee. Jack London, danach befragt, was er denn in seiner Abgeschiedenheit so treibe: "Ich schreibe und saufe, bis ich nicht mehr schreiben kann. Dann stehe ich auf, schreibe und saufe, bis ich nicht mehr schreiben kann."

 

19

Topmodel. - Der Modemarkt wird von schwulen Männern dominiert. Entsprechend sehen die Wesen aus, die hierfür "entdeckt" und gezüchtet werden. Frauen sind das nicht, also auch keine schönen Frauen. Ihr zur Schau gestellter Narzißmus ist Eingeständnis absoluter Frigidität, die sich bedingungslos der Macht des Marktes und des Scheins unterwirft. Die Zeiten, da aus einer x-beliebigen Norma Rae Marilyn wurde, sind längst vorbei. Damit freilich auch das tragische Zeitalter hochgepushter Supermarktverkäuferinnen, die mit ihrem unglücklichen Bewußtsein nicht zurechtkamen. Marilyn reflektierte noch, daß das Künstliche an ihr die Schönheit, die Natur zerstörte. Dergleichen ist der diätzersetzten Laufstegneutra von heute fremd. Unglückliches Bewußtsein wird längst als Erfolgs-, wenn nicht Existenzgrundlage vorausgesetzt. Insofern sind diese bemitleidenswerten Geschöpfe ein Ausdruck der repressiven Macht der Konsumindustrie, die permanent falscher Ideale bedarf, um sich selbst am Fortschreiten zu erhalten. Zu sich selbst kann sich das Topmodel nicht retten, weil es Objekt, ohne jedes Selbst ist. Sonst wäre es gleich Verkäuferin im Supermarkt geblieben und nicht zum Model mutiert. Models werden heutzutage in einem Alter rekrutiert, da Reflexion über eigene Identität noch nicht stark ausgeprägt ist, so daß sie später darauf zu regredieren die Chance gar nicht haben.

 

20

Dr. Schweitzer. - Wenn das Christentum mehr Männer wie Albert Schweizer, diesen späten Antipoden von Jesus Christus, gehabt hätte, wäre es noch eher zugrunde gegangen. Der Nazarener war der Auffassung: "Wer nicht für mich ist, ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der verstreuet." Diese Frage, wer denn für und wer denn gegen ihn sei, stand für den Dschungeldoktor überhaupt nicht; und dabei dachte der noch, er sei ein guter Christ.

 

21

Vater, warum hast Du mich verlassen? - "Und darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und einem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch." Und sie werden bleiben ein Fleisch. Die Paranoia Jesum resultiert daraus, daß er keinen Vater hatte, den er verlassen konnte. Des pater absconditus wegen bedurfte es auch des Heiligen Geistes zur Erklärung Mariä Schwangerschaft. Es ist ungeheuerlich, daß das Christentum trotz dieser Amphytrion-Komödie über zwei Jahrtausende überlebt hat, wo doch jedes Kind, seit es Menschen gibt, weiß, wie das mit den Bienen und dem Klapperstorch sich wirklich verhält. Die patriarchalische Macht duldet jedoch keinen Widerspruch außer den patriarchalischen. So wird Jesus auch durch den Vater zum Vater befreit, den es eigentlich gar nicht gibt, während der leibliche Erzeuger wahrscheinlich gerade eine Gallierin per Vergewaltigung traumatisiert und schwängert wie er vordem Maria schwängerte.

 

22

Gestern, heute, morgen. - "Im Grunde ist jedermann zufrieden, wenn ein Tag vorüber ist. Ihn so ernst zu nehmen, dass er am andern Tag bereits historische Untersuchungen anstellt, ist lächerlich." Nietzsche. Die Masse der Konsumenten wird dadurch lenkbar, das jedes einzelne dieser irregeleiteten Schafe sich ewig, unsterblich wähnt, als gäbe es Geburt und Tod nicht. Kompensiert wird diese Amnesie durch umtriebige Aktivität. Konsum um jeden Preis, nur um auf der Höhe des Zeitgeists zu sein. Dabei kann jeder Tag der letzte sein; jeder Tag ist der letzte Tag. Aus dieser Perspektive werden Diäten, Fitneßcenter etc. das, was sie sind: überflüssig. Der morgige Tag lohnt nicht die Qual im heutigen, genausowenig wie das Gestern von Relevanz ist für das Heute. Es gibt nichts zu verpassen, gestern, heute, morgen nicht.

 

23

Sie gab sich hin. - Die meisten Frauen wollen Ausschließlichkeit. Nur diese ersetzt annähernd den Vater, dem die Mutter, nicht die Tochter Ausschließlichkeit war. Sie haben dabei allerdings keinerlei Skrupel, den Ersatzvater durch einen stärkeren Ersatzvater zu ersetzen. Ist der schwächere von dem stärkeren erst ersetzt, fällt ersterer vollständiger Amnesie anheim. Dem entspricht, daß insbesondere narzißtische Frauen, die Probleme haben, einen Ersatzvater zu finden, häufig einen oder mehrere Männer für das Bett, andere zum Reden haben, Befriedigung nur um den Preis enormen Triebverzichts überhaupt noch zu erheischen vermögen.

 

24

Gesundheitsbewußtsein. - Der gesundheitsbewußt lebende Mensch hat durchaus die Chance auf längere Lebenszeit als derjenige, der raucht und Wein trinkt, gern und gut ißt. Die verlängerte Lebenszeit bringt der gesundheitsbewußt lebende Mensch damit zu, gesundheitsbewußt zu leben, um endlich auch, nur eben gesünder als andere, zu sterben.

 

25

Haie. - Alles Unglück der Welt rührt daher, daß der Mensch nicht still zu Hause sitzt. Vor der Seßhaftigkeit des Menschen zogen die Nomaden durch die Welt, aus Not, auf der Suche nach Nahrung. Heute ziehen Touristen durch die Welt, aus Not, auf der Suche nach Ablenkung, um etwa auftretende unangenehme Fragen zu fliehen. Jeder Tourist ist ein Paranoiker. Er nimmt sich nicht war, und indem er sich nicht wahrnimmt, seiner Natur permanent entflieht, nimmt er auch die Welt, die er durchstreift, nicht wahr, redet sich dergleichen allerdings ein, wie jeder Paranoiker das Selektive für das Ganze hält. Das Phänomen Tourismus, der Regression auf archaische Not geschuldet, ist als gigantisches Geschäft Bestandteil der Kulturindustrie. Goethe reiste nicht als Tourist nach Italien, er reiste nach Italien, um der bigotten Stein zu entkommen, seine Unschuld zu verlieren, einem Stück seiner Natur innezuwerden, das von der Stein blockiert war, solange er sich im Dunstkreis dieser kriminellen Frau befand. Wie in allen Bereichen der Kulturindustrie zählt der Mensch nichts, selbst seine physische Vernichtung wird in Kauf genommen. So stürzen überalterte Flugzeuge kurz nach dem Start ins Meer, und keiner überlebt. Erschwert wird die Suche nach den Leichen nicht nur dadurch, daß das Flugzeugwrack 2400 Meter tief im Meer liegt, sondern auch dadurch, daß es gerade dort, wo die Maschine in die See knallte, von Haien wimmelt. Opfer sind nicht nur die um ihre Träume von vornherein Betrogenenen, Opfer sind vor allem Kinder, die mit Oma und Opa in der Sonne weilten während des europäischen Winters nach einem überheißen europäischen Sommer. Gewinner ist die Company, denn die schrottreife Maschine war selbstverständlich versichert.

 

26

Misanthropen. - "Das Werk, das Christus begonnen hat, werde ich zu Ende führen." Adolf Hitler. Es ist ihm nicht gelungen; Stalin, die Rote Armee und die Westalliierten haben das verhindert. Gemeinsam mit Stalin hätte er es vielleicht geschaft, ein einzelner Paranoiker vom Schlage Jesus und Hitler ist dazu nicht imstande. Dennoch gebührt Hitler das traurige Verdienst, die Mission des Nazareners in diesem Jahrhundert am besten erkannt und am tatkräftigsten umgesetzt zu haben.

 

27

Sancta simplicitas. - "Wer den Marxismus/Leninismus beherrscht, der beherrscht auch alle anderen Wissenschaften." Das verkündeten die DDR-Oberen, ließen sich aber den Wurmfortsatz, so der aufmuckte, in christlichen Kliniken entfernen. Sie hatten Marx und Engels nie verstanden; andernfalls hätten sie auf die peinliche Gleichschaltung von Marx und Lenin verzichtet, vor allem aber, da sie sich auf das Leben schon nicht verstanden, wenigstens mit Anstand zu sterben gewußt. Jede Idee verkehrt sich, von Trotteln usurpiert, in nichts.

 

28

Die Guten und die Bösen. - "Der Wahnsinn ist dem großen Geist verwandt, und beide trennt nur eine dünne Wand." Wahnsinnige und Genies unterscheiden sich vom Rest vor allem dadurch, daß sie Träume umzusetzen suchen. Ludwig II., der letzte redliche Parzellenfürst, den das Abendland hatte, ist dadurch geblieben, daß er vor Wagner auf die Knie fiel, das Bayreuther Festspielhaus und Traumschlösser baute, 1866 wie 1870/71 nicht so recht wußte, worum es eigentlich ging. Und Wagner fiel vor Ludwig auf die Knie. Für Bismarcks Kuhhof interessiert sich längst niemand mehr. Politschranzen vergehen, und selbst Jahreszahlen fliehen als Irreproduzierbares das kollektive Gedächtnis. Träume dagegen bleiben. Die immateriellen wie die Wagners, die materialisierten wie die Ludwigs. Die Zeit, die gegen das Überzeitliche steht und im Ephemeren stets triumphiert, ist mit dem Makel der Vergänglichkeit behaftet.

 

29

Aufnahmeprüfung. - "Was haben Sie letzte Nacht geträumt?" Sowie sich diese Frage, die eigentlich in jeder Aufnahmeprüfung zu stellen wäre, sofern es je um Leben ginge, herumspräche, fänden sich Spezialisten, die Antwortstrategien erarbeiten und Kandidaten, die diese Antwortstrategien perfekter beherrschen als die Spezialisten.
Die Welt ist wirklich voller Idioten.

 

30

"... if you wonna dance with me". - "Wer tanzt, revoltiert nicht", sagte Metternich und ließ die Wiener Wiener Walzer tanzen. Das Phänomen Beatles erklärt sich wie das Phänomen Bob Dylan, das Phänomen Rockmusik überhaupt, daraus, daß es der Subkultur entstammt. Als solches war es subversiv und spielte gegen den Vietnamkrieg, auch in der deutschen Studentenrevolte 1968 eine gewichtige Rolle. Auseinander gingen die Beatles infolge ihrer Subsumtion unter die Kulturindustrie. Die Rolle als Stütze des Establishments war John und George zuwider. Sie reflektierten dergleichen stärker als die spießigen deutschen Studenten, deren Revolte weitestgehend darauf beruhte, daß sie sich nicht zu onanieren trauten. Man sehe sich die ehemaligen Revolutionäre heute an und ist daraufhin über deren ursprüngliche Ziele voll im Bilde. Die Kommerzialisierung ist der Totengräber der Rockmusik gewesen. Es ist unerheblich, ob heutzutage die Rentner à la Rolling Stones oder die sich durch nichts voneinander unterscheidenden zahllosen Take Thats, East Seventeens oder die von Krieg und anderen Übeln lallenden Rocktrottel peinlicher sind. Perversität ist in jeder Form peinlich.
Was die Beatles angeht, so ist Mc Cartneys Heile-Welt-Schnulze "Yesterday" deren meistgespielter Titel.

 

31

C' est pas grave. - Dergleichen kommt vor. Deutsche Frauen sagen dann, ist nicht schlimm, französische, c'est pas grave. Und doch ist es schlimm und grave, weil die Frau, die hineinzulassen bereit ist, die Illusion vermittelt, sie könne die lange vordem von der Mutter verweigerte Liebe ersetzen. Verweigerte Mutterliebe jedoch kriegt niemand je zurück. Später, sowie Physiologie die Mutter wieder aus dem Felde schlägt, ist eine Art Erlösung. Ich bin nicht arm, nicht nackt, nicht blind; jedenfalls nicht ganz. Aber sie wollte ganz Mutter, ganz Macht sein. Kastriert war er besser, kastriert war er liebenswert, und unkastriert darf er nicht entlassen werden. Deshalb grüßten Weiber frenetischer mit "Heil Hitler". Zu dem war sich hinzukuscheln; armes Schwein, der Führer. Der Führer hatte mehr weibliche Wähler als männliche. Letztere hatten von dem 14/18er Krieg noch genug. Aus Kriegen, von Kriegen will der Krieger nur getröstet werden. Glückliche Frauen. Es gibt zuwenig Adolfs, es gibt zuwenig Kriege.

 

32

Lesen Sie meine Bücher. - Literatur ist immer, sei sie noch so schlecht, der Versuch, das Leben, das abzuleiden ist, zu mildern. Literaturwissenschaft, sofern sie gut und nicht null ist, übersetzt die Linderung der Qual in Qual zurück. Literaturwissenschaft integriert das Unintegrierbare und integriert es doch nicht, weil das Unintegrierbare wirklich nicht integrierbar ist. Sie ist das Überflüssige an sich. Manche Gedichte von Benn, manche Gedichte von George, um von Goethe und Baudelaire ganz zu schweigen, führen eine durchaus selbständige Existenz, eine Existenz, die tröstet; es geht doch nur um Trost im Leben. Um nicht mehr, auch nicht um weniger.

 

33

Philologie. - Denken ohne Grundlagen ist kein Denken, und das Fahrrad muß nicht neuerlich erfunden werden. Philologie verführt zu den Grundlagen, weil jede Suche nach einem Zitat in gründliche Lektüre mündet, ganz gleich, ob das Zitat auf Anhieb gefunden wird oder nicht. Verloren sind freilich die, die sich von der Lektüre nicht fortreißen lassen; für die Philologie wohlgemerkt, und für Philosophie und Kunst sowieso. Passable Versicherungsvertreter können sie dennoch abgeben. Eigentlich braucht die Welt keine Versicherungsvertreter. Philologen, Philosophen, Künstler braucht die Welt auch nicht. Wenige Einzelne jedoch würden ohne Kunst, Philosophie und Philologie zugrunde gehen, und nur diese Wenigen zählen. Der Rest ist Schweigen oder die Menschheit, des Denkens, Leidens, Lebens unfähiger Auswurf. Sie sollten darum in Ruhe gelassen werden, weil sie unrecht haben, überflüssig sind und sowieso am Untergang ihresgleichen permanent zu Gange sind. Alles Ephemere erledigt sich von selbst und durch sich selbst.

 

34

La décadence. - In jedem Untergang liegt Charme, den die triumphzerseuchte Gegenwart nicht bieten kann. Schneller, schöner, höher, weiter - darin liegen die Perversitäten; Verfall ist Trost. Wo nichts mehr verfallen kann, dort ist Ende.

 

35

Projektion. - "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Jesus von Nazareth. Er hat nicht etwa gesagt: "Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst." So bedeutet dieses Gebot der Nächstenliebe nichts anderes als eine Aufforderung zum Nächstenhaß, denn die meisten Menschen hassen sich. Es kann ausgeschlossen werden, daß der Nazarener sich an die auch seinerzeit doch recht begrenzte Zahl der Narzißten wandte, gleichwohl er selbst narzißtisch war bis zum Unerlaubten.

 

36

Asexualität. - Jesus ist der Schlechtweggekommene par excellence. Das Neue Testament überliefert nicht eine Zärtlichkeit Mariä ihrem Kinde gegenüber, so hatte also dieses Kind von Beginn an keine Chance auf Leben. Die Folgen davon sind bekannt. Krank ist das Christentum vor allem deshalb, weil sein Begründer asexuell war, eine Lebensfunktion zuwenig hatte. Sexualität wird im Neuen Testament durch Überich, durch den Glauben an eine vorgeblich höhere, Transzendenz nivellierende Instanz ersetzt.

 

37

Ankunft. - "Junger, gutaussehender Mann in gesicherter Position sucht Frau seiner Träume." Dadurch wird das Glück erst perfekt, weil er etwas braucht, vor dem er nicht kriechen muß, sofern er einen Chef hat. Ist er selbst ein Chef, ist die Frau seiner Träume eben eine, vor der er kriecht. In beiden Fällen ist die Frau Objekt, denn er bezahlt sie dafür, daß sie seinen Obsessionen gerecht wird, selbst dann, wenn sie mit ihm nur eine Gütergemeinschaft eingeht. Ehe oder eheähnliches Gebilde mit Kant als Kontrakte zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane zu definieren, das konnte nur einem idealistischen und verklemmten Gnom wie Kant einkommen; Realität war das, zumindest im bürgerlichen und postbürgerlichen Zeitalter nie. Hier dachte Kant in den Bahnen der Aristokratie: Inzucht um jeden Preis. Goethe nahm sich die aristokratische Form der Liebe als Bürger heraus, ohne Christiane nennenswert zu beschädigen; seine Opfer liegen vor und nach Christiane: Cornelia und August. Der Bürger Wagner nahm sich die aristokratische Form der Liebe heraus, und Ludwig II. verehrte ihn auch deswegen. Wagners Opfer? Soll ich sie nennen? Bühlow, Liszt etc.? Nietzsches Opfer sind die kleinen italienischen Huren, die er sämtlich mit Syphilis infiziert haben dürfte und mit denen er nicht sonderlich zufrieden war; ansonsten hätte er nicht darüber reflektiert, daß es der Prostitution an Ästhetik mangelte. Immerhin war er dadurch ein Revolutionär auch in bezug auf die Hurenfrage, zugleich aber derjenige, der festgehalten hat, daß zwischen Angebot und Nachfrage in diesem Sektor der Dienstleistungen im bürgerlichen Zeitalter etwas irreparabel beschädigt war. Nietzsches Hoffnung auf eine Ästhetisierung der Prostitution war eine Folge seiner Hoffnung auf die Wiederkehr des Gleichen, des tragischen Zeitalters der Griechen, und damit hat er den Schleier gelüftet, der über der einzigen Hoffnung liegt, die es noch gibt: Im Anfang war die Frau noch Mensch.

 

38

Glückliche Kinder der Reichen. - Es stimmt, daß die Kinder der Reichen häufig wieder Reiche werden. Allerdings nur dann, wenn sie den vorgezeichneten Weg nicht verlassen. Befällt sie indes der Spleen, in geistigen Dingen reüssieren zu wollen, scheitern sie kläglich. Voraussetzung dafür, dem Geistigen, der Wahrheit nahezukommen, ist ein Maß an Lebenserfahrung, das den Kindern der Reichen nach dem vierten Urlaub in Südfrankreich, der vierzigsten Reitstunde, dem achten Ski- oder Surfkurs etc. abgeht. Substantielle Fragen, die jedes Kind stellt, kommen den Kindern der Reichen durch Luxus und Ablenkung abhanden, und dieser Verlust ist irreversibel. Sind sie im Glücke, werden sie von Papa und Mama verstoßen und gehen, da auf eine anständige Weise zu leben ihnen schon nicht vergönnt war, wenigstens auf eine anständige Weise zugrunde.

 

39

Spiel mir das Lied vom Tod. - "Sweetwater wartet auf Dich." Claudia Cardinale. "Irgendjemand wartet immer." Charles Bronson. Und dann nimmt er seine Sachen vom Nagel, und dann reitet er davon, ohne sich umzuschauen. Der Mythos Amerika beruht auf dem Trugschluß, daß das Böse dort noch reale Gestalt hatte. Die neue ist vom Abschaum der alten Welt kolonialisiert worden, zeitigte dann diesen oder jenen Romantiker, der die Bibel, die er von Kindheit an bekam, allzu ernst nahm und dann gegen Windmühlenflügel ritt oder gegen Eisenbahnen, seine Träume gegen nichts verkaufte, weil er wußte, daß die reinste Form von Traum Rache ist. Aber die Krüppel, die mit dem Geld, die gewinnen. Auch wenn sie nicht ans Meer kommen, bis zum Wasser schaffen sie es, weil Romantiker nicht auf Krüppel schießen können. Der ultimative Western konnte nur von einem Italiener kommen. Die Seife ist abgebrannt, die Agonie des Abendlandes noch nicht ganz. Warten ist die falscheste aller Illusionen.

 

40

Selbstschutz. - "Die Unschuld der Neugeborenen, das ist auch so eine merkwürdige Erfindung: wir sind alle Neugeborene, Unschuldige, ich will sagen, Schuldige." Aragon. Datenschutz gibt es, weil es Verbrecher gibt und weil die Verbrecher im Zweifelsfalle sowieso zusammenhalten. Kinder sind keine Verbrecher, doch die Erwachsenen trichtern ihnen das solange ein, bis die Kinder daran glauben, daß sie Verbrecher sind. Und dann werden die Kinder zu Verbrechern, erwachsen, und lassen ihre Daten schützen, weil jeder Verbrecher unerkannt bleiben will.

 

41

Einzelhaft. - Die Tür abschließen können und allein mit sich sein dürfen. Die Welt ist nicht einmal durch Bomben zu verändern, man bombt sich immer nur zu sich selbst zurück oder zu dem, was einem das Unterbewußtsein suggeriert über den, der man einst gewesen ist. Im Mutterleib waren wir noch allein. Ulrike, Gudrun, Jan-Carl, selbst der dumme Baader - einunddieselbe Verzweiflung.

 

42

Banküberfall. - Kein Bankangestellter ist dazu gezwungen worden, diesen Beruf zu wählen. Irren ist menschlich. Irrtümer sind dazu da, daß sie korrigiert werden. Kein anständiger Mensch bleibt Bankangestellter. Jeder Banküberfall, der unschuldige Bankkunden als Opfer vollständig ausschließt, ist nicht nur mehr wert als die widerliche Existenz sämtlicher Banker dieser Welt, er ist vielmehr ein Akt des Widerstands gegen die Herrschaft des Geldes und derer, die dieses Geld und damit seine Herrschaft verwalten.

 

43

Uniform. - "Vor diesen Schweinen spiele ich nicht." Beethoven. Der aufrichtigste und kompromissloseste deutsche Tonkünstler meinte damit bei weitem nicht allein die französischen Offiziere, die des Abends durch Musik ein wenig unterhalten werden wollten. Er meinte das Angepaßte schlechthin, das nicht nur den Konsens mit dem Inhumanen, sondern das Inhumane an sich verkörpert. Anpassung an die Gesellschaft ist ein Verbrechen gegen das Menschliche. Kunst, also Schönheit, und entindividualisierte Exisistenz, also das Häßliche, schließen einander aus.

 

44

Wohldosiert. - Heinrich Heine ist von einer französischen Nutte langsam aber sicher mit Rattengift umgebracht worden. Nachdem sie ihm Tag für Tag die wohldosierte Portion verabreicht hatte, las sie ihm vor, wie es Sitte und Anstand einem kranken Manne gegenüber gebieten. In Sitte und Anstand sind Französinnen unschlagbar.

 




 

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