Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Lutz Baseler, Die neue Nacht
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Lutz Baseler

 

Sonnenschein

Der Regen, der seit Wochen über dem Land niedergegangen war, hörte unvermittelt auf.

Seitdem die Straßen überschwemmt waren, konnten die Menschen nicht mehr ihre Häuser verlassen. So riefen sie sich nun gegenseitig an, um einander ihre Freude zu künden.
Als sich die Wolken verzogen hatten und die Sonne zaghaft in den großen Pfützen ihre Strahlen spiegelte, tollten die Kinder auf der Straße umher und wateten mit Gummistiefeln durch die Wasserlachen. Die Menschen liefen wieder ins Freie; sie tranken nahezu das Sonnenlicht, das sie für lange Zeit hatten entbehren müssen. Sie konnten wieder sehen, daß Bäume und Gras grün waren und der Himmel blau.

Die Sonne schien, als wüßte sie, daß sie viel gutzumachen hatte. Sie trocknete Felder, Straßen und Plätze. Die Menschen kehrten zu ihren gewohnten Beschäftigungen zurück; sie bestellten wieder das Land, fuhren auf den Autobahnen und trafen sich auf den Plätzen. Bald war es so warm geworden, daß die Menschen an die Gewässer zogen, badeten und sich bräunen ließen. Es war ein herrlicher Sommer.

Doch es wurde immer wärmer. Die Kinder in den Schulen bekamen Hitzeferien und für alle arbeitenden Menschen wurde ihre Beschäftigung in der Glut zur Qual. Die Sonne begann, Gras, Bäume und Sträucher zu verdorren. Die Felder wurden wüstengleich, staubig und vertrocknet. Der Asphalt wurde weich und die Plätze lagen wie ausgestorben.
Wären die Menschen aus ihren Häusern gegangen, hätte die Sonne ihnen die Haut verbrannt. Das Wasser wurde knapp und fast begannen die Menschen, sich die große Regenzeit zurückzuwünschen.

Doch bald erstickte die Sonne alles, auch die Wünsche der Menschen.




 

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