Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Lutz Baseler, Die neue Nacht
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Lutz Baseler

 

Herbstmusik (1)

I

Er liebte es, in den frühen Stunden des Tages seine Wohnung zu verlassen, um, ohne von einer Pflicht getrieben zu sein, für eine, manchmal auch zwei Stunden in den Park zu gehen. Dieser Park lag am Rande der Stadt; drang deren Lärm kaum in dessen Nähe, war man bereits nach wenigen Schritten in der gesuchten Stille.


Noch zu Beginn seiner Zwanziger kannte er dieses eigenartige Vergnügen nicht; ausgedehntes Wachen mit oder ohne Alkohol, in Gesellschaft oder allein, forderte einen Schlaf bis in den Vormittag. Im Herbst und im Winter mochte dies geschehen, ohne das es ihm der verschlafenen Stunden leid war; nur im Sommer, wenn des Tages Hitze ihn weckte, wußte er, daß ihn Sanftheit umgeben und ihm Linderung erst wieder mit dem Abend zuteil werden würde.


Nun, kurz vor seinem dreißigsten Lebensjahre, war sein Tagesrhythmus ein anderer geworden. Seine Beschäftigung, die Malerei, forderte das Licht des Tages. Früh, vor der Dämmerung, stand er auf, ging in den Park, sammelte seine Gedanken, die Kräfte für den Tag. Der Weg durch diesen Park, vorbei an den künstlichen Seen, über die geschwungenen Holzbrücken, die nach den Inseln führten, gab ihm nicht nur die Gelegenheit innerer Einkehr, sondern begünstigte die Illusion einer durch nichts zu störenden Einsamkeit, die so vollkommen nie sein könnte, daß er sich in Gesellschaft wünschte.


Früher ließ sich für ihn wohl ein Gewinn aus dem Zusammensein mit anderen ziehen; auch später besaß er noch die Toleranz, der es bedurfte, über fremde Erlebnisse, Schicksale, Leiden zu hören, selbst wenn er es schon damals nicht mehr vermochte, dem Geschilderten mit Anteilnahme zu folgen. Wie entbehrlich die Stimmen der anderen waren, merkte er seinerzeit daran, daß er es mehr und mehr beherrschte, deren Klang an sich vorbeirauschen zu lassen, durch von Zeit zu Zeit wiederholtes Nicken oder auch verhaltene Interjektionen, ihren Fluß in Gang zu halten. Recht bald hatte er die Fertigkeit entwickelt, ungeachtet, daß ihm ein Teil des gehörten Satzes oder auch ganze, ja mehrere Sätze unverständlich geblieben, dennoch intuitiv die erwartete Reaktion zu liefern. Er hatte bemerkt, daß es dem Sprechenden gar nicht auf Verständnis, eine echte Erwiderung ankam, daß dieser lediglich sprechen, über sich sprechen wollte, in der vergeblichen Hoffnung, mit der Mitteilung auch deren Last zu verteilen.


Alle diese Erfahrungen aus seinem Umgang mit den Menschen seiner Umgebung ließen ihn ahnen, auf welche Weise man ihm begegnete, falls er diesen Fremden seine Gedanken mitteilte. Die Konsequenz daraus hieß ihm äußerste Zurückhaltung im Verkehre mit Menschen.


Daß er nur zu wenigen Leuten Beziehungen unterhielt, entschuldigte seine Umwelt wohl mit der Tatsache, daß er Künstler sei, nach allgemeinem Verständnis ein anderer Typus Mensch - eine Meinung, die ihm recht war: gab man anderen das Gefühl, daß sie über einem standen, lief man nicht Gefahr, Antipathien ausgesetzt zu sein. Schließlich glaubten die Leute, die Eigenart der Künstler zu kennen; eigenwillige, introvertierte Personen, die auch ein wenig zu bedauern sind - zumindest niemand, gegenüber dem man sich zu behaupten hätte.


Diese Erfahrungen hatte er gesammelt, und sie waren ihm für seinen Rückzug zwar nicht der Anlaß, doch eine nachhaltige Bestätigung.

 

II

An einem Tag im Herbste nun, da er, seiner Gewohnheit entsprechend, in der Frühe durch den Park ging, trachtete er weniger nach Einkehr oder Inspiration; er würde nicht zum Arbeiten kommen; er wollte an diesem Tage einem Auftraggeber ein Bild bringen, das dieser zur Neueinrichtung seines Hauses bestellt hatte.


Man lernte sich auf der Eröffnung seiner letzten Ausstellung kennen. Selbst wenn er nicht zur Sicherung seines Lebensunterhaltes gezwungen gewesen wäre, diesen Auftrag anzunehmen, hätte es ihm Vergnügen bereitet, für eben diesen Menschen zu malen, einer, der seit langem wiederseine Sympathie und Achtung genoß. Das Gespräch mit seinem späteren Auftraggeber, einem älteren Hochschullehrer, unterschied sich angenehm von dem, was er sonst vom gewöhnlichen kunstinteressierten Publikum gewöhnt: Man erachtete in der Ausstellung, der Auswahl der Bilder, seiner Technik, seinen Intentionen keinen zu einer Auseinandersetzung taugenden Gegenstand. Wohl mag seine Kunst Ausgangspunkt gewesen sein; schnell fand sein Gesprächspartner jedoch in Gedanken, die die Kunst überhaupt und ihre Rolle im Leben betrafen, ein lohnenderes Thema und erlöste ihn mithin, anderen zu belanglosen Wortwechseln zur Verfügung stehen zu müssen.


Bereits nach kurzer Dauer des Gesprächs war ihm offenbar geworden, daß der Dozent von den ästhetischen Grundauffassungen ausging, die auch die seinen waren. Eher schien er zu begrüßen, denn zu kritisieren, daß ein tragisches Element seine Bilder dominierte, daß seine Kunst frei von jeglichem - er benutzte diesen Begriff - "ruchlosen Optimismus" sei; tatsächlich nur scheinbar, denn seine Worte enthielten keine derart vordergründigen Wertungen. Vielmehr war man sich einig, daß es eines bedeutenderen Maßes an Wahrhaftigkeit, Rechtschaffenheit, wohl auch Kraft bedurfte, gerade das Schmerzvolle des Daseins zu sehen und darüber in künstlerischer Darstellung erkennend zu triumphieren, als die Angst vor allem Scheitern mit leuchtenden Farben zu bemänteln.


Der Dozent hatte ihm dann - man war inzwischen auf persönliche Umstände zu sprechen gekommen - angetragen, ein Bild für sein zu renovierendes Haus zu malen. Lediglich an eine bestimmte Größe sollte er sich halten; das Bild würde an eine Wand nächst einer Reihe französischer Fenster kommen, hinge also in günstigstem Lichte, brauchte, da es diese Wand für sich beanspruchen könne, sich nicht gegen anderes Bildwerk durchzusetzen, sollte nur aus sich heraus wirken. Das Thema des Bildes und seine Ausführung waren zur Gänze ihm überlassen worden. Offenbar hatte das Gespräch mit dem Künstler den Auftraggeber davon überzeugt, die Ausführung in berufene Hände gelegt zu haben. Die Zeit der Fertigstellung war nicht durch einen festgelegten Termin begrenzt; auch von dieser Seite eine höchst wünschenswerte Freiheit.

Terminarbeiten - das empfand er von je - brachten einen Zwang mit sich, der zwar stimulierte, doch würde ein Werk, dem die Zeit ungetriebenen Reifens gegeben war, erst tiefe Harmonie aufnehmen und mithin ausstrahlen können.
Er beschloß, einem Gedanken, der ihn seit längerem beschäftigte, Gestalt zu geben. Es war das biblische Motiv des Turmbaues zu Babel. Gewiß, dieses war ein derart altes Thema, daß es kaum Gründe gab, es für sich allein abermals Form werden zu lassen. Er hatte jedoch seinen Ehrgeiz daran gesetzt, einen Aspekt dieser alten Geschichte zu beleuchten, der bislang stets im Schatten der Konsequenz aus der Vermessenheit der Babylonier stand: die Phase des Baues, in der noch nicht das Sprachgewirr herrschte, noch nicht die aus der Unmöglichkeit der Verständigung geborene Fremdheit und Feindschaft. In seinem Bilde sollte der Optimismus eines frohen Wagens dominieren, der allein schon Gewähr des Erfolges zu sein schien; jene kraftstrotzende Munterkeit, aus deren Walten bereits sich der Gedanke an ein Scheitern von selbst verbat. Dieser Optimismus jedoch war es, wie er vermeinte, der das geradezu Ungeheuerliche seines Bildes bedingte und aus diesem ein ohnmächtiges Entsetzen tönen ließ; denn der Betrachter wußte ja mehr, kannte das Ende dieses Mühens, das, die Höhe des Bauwerkes mochte es zeigen wie die Ausgelassenheit der am Bau Beteiligten, in Kürze bevorstehen mußte und das all die Eintracht, den Frohsinn, das Streben nach dem noch nie Dagewesenen von einem Augenblick zum anderen zunichte werden ließ, als wäre nicht einmal die Idee eines solchen Turmes geboren worden.


Eines halben Jahres nur bedurfte es, das Gemälde zu vollenden. Nach wenigen Kompositionsskizzen hatte er das erstrebte Ensemble gefunden.

Vorzeichnungen von Details konnten gleichsam nach der zweiten oder dritten Variation gelten. Die Farben, die eines hellen, strahlenden Sommertages, lagen von vornherein fest. Das Werk bestimmte, auf den ersten Blick, eine klare, sachliche Linienführung; eine Vielzahl von Einzelheiten indes offenbarte Anspielungen auf das unausweichlich zu Erwartende.


Die Fertigstellung des Gemäldes lag eine Woche zurück; es war gefirnißt, getrocknet. Am vorangegangenen Abend hatte er es in den Rahmen gesetzt und an eine Wand seines Ateliers gehängt. Das war für ihn der Teil eines Zeremoniells: Mit zwei großen Lampen leuchtete er das Bild aus, setzte sich dann in einen Sessel davor und ließ es auf sich wirken. In dieser Betrachtung würde es sich für ihn unfehlbar erweisen, ob es ihm gelungen war, seine Intentionen umzusetzen, seinem Werk nicht nur die Form, sondern auch den Gehalt zu geben, aus dem der ursprüngliche Antrieb erwuchs.

 

III

An jenem Tage tauchte, kurz nachdem er aufgestanden, aus seinem Gedächtnis eine Textzeile auf, die er wohl als die Verse eines Gedichtes bestimmen, doch zunächst in keinen Zusammenhang zu bringen vermochte:

Uralt war dein Verlangen,
uralt Sonne und Nacht...

Erst als er wenig später in der nebligen Dämmerung des frühen Morgens auf den ihm wohlvertrauten Wegen des Parks ging, gelang es ihm, sich des Gedichtes und dessen Beginns zu entsinnen:

Du in die letzten Reiche,
du in das letzte Licht,
ist es kein Licht ins bleiche
starrende Angesicht,
da sind die Tränen deine,
da bist du dir entblößt,
da ist der Gott, der eine,
der alle Qualen löst.

Es war dieses die erste Strophe jenes Gedichtes, die ihm jetzt so leicht aus dem Gedächtnis sprach, als hätte er sie unlängst gelesen. Mehrfach wiederholte er diese Verse, ließ sich von ihrem zwingenden Rhythmus in halblautem Sprechen umfangen, und nach einer dieser Wiederholungen plötzlich durchzuckte ihn für einen Sekundenbruchteil ein ungeheurer Gedanke, den ein umfassendes Verstehen des Symbolgehaltes dieser Verse zu tragen schien. Wie der warme Schauer eines Glücksgefühls, etwas längst verloren Geglaubtes zu entdecken, überfiel ihn die Ahnung, in den Tiefen seines Wesens dem Gedanken dieses Gedichtes verwandt zu sein und mit diesem Gedanken auch einen Teil seines Selbst zu erkennen. Allein, es blieb, so vollkommen diese aufflammende Erkenntnis sich ihm darbot, nichts als eine ahnungsschwere Erinnerung an dieses Gefühl.


Auf seinem weiteren Wege, der ihn in einem Bogen um die Seen und über einen kleinen Kanal führte, gelang es ihm, sich, Vers für Vers, auch der zweiten Strophe zu entsinnen:

Aus unnennbaren Zeiten
eine hat dich zerstört,
Rufe, Lieder begleiten
dich, am Wasser gehört,
Trümmer tropischer Bäume,
Wälder vom Grunde des Meer,
grauendurchrauschte Räume
treiben sie her.

Die zwei Verse, die als erstes an diesem Morgen die Erinnerung an das Gedicht heraufbeschworen hatten, gehörten also in die dritte Strophe; dieses "Uralt war dein Verlangen..." leitete die letzten Verse ein, das wußte er bereits. Er begann jetzt auch, sich jener Zeit zu besinnen, da ihm dieses Gedicht vertraut geworden. Am Ende seines Studiums, als er über die Präraffaeliten diplomierte und durch die Beschäftigung mit diesen und ihren Ideen in ein Reich der Schönheit und Harmonie geführt wurde, in dem der Schmerz verklärt, ja ein Weg offenbart wurde, diesem im Nacheifern ästhetischer Ideale zu entrinnen, ohne dessen Existenz zu leugnen. Während dieser Wochen, mit zunehmender Dauer seines Aufenthaltes in der wohlgeformten, klaren und reinen Ästhetenwelt, entdeckte er, gleichsam als einen Ausgleich die Werke jenes Dichters. Da gab es die unverblümten Schnoddrigkeiten der Morgue, dieses Hinwegsetzen über den Ekel einer wahrhaft ungeheuerlichen Realität, da war diese Suche nach Reinheit, die als Ahnung und ein Trotzdem zu existieren schien, das Besinnen auf die antike Welt, die mediterrane Illusion von einem Dasein, wie es nie sein konnte, da es sich auf längst widerlegte Prämissen wie Hoffnung, Glücksanspruch und Vernunft gründete. Schließlich waren da diese Elegien, die scheinbar über all diesem Schmerz standen und doch von nichts anderem lebten, als daß sie ihn heraufbeschworen.


Das war auch die Zeit, in der seine eigenen literarischen Versuche entstanden, gewissermaßen als eine Antwort auf die vielfaltigen und einander gegensätzlichen Suggestionen; Texte, denen er etwas Epigonales anzumerken glaubte, wenn die Überzeugung, auf der Suche nach einer Synthese gewesen zu sein, schwächer wurde. Auf die Idee, diese Texte zu veröffentlichen, war er schon aus diesem Grunde nie gekommen. Schwerer indes wog, daß es kaum ein Publikum für die von ihm gestalteten Gedanken gab. In seinen Zeichnungen und Gemälden konnte der Betrachter an der Oberfläche bleiben; er sah Farben und Formen, mochte auch die dargestellte Situation erschließen und sah damit das ästhetische Versprechen des Kunstwerkes eingelöst. Schwieriger war es mit seinen Texten. Diese waren, wie seine Bilder auch, Symbol, das jedoch mit Leben erfüllt werden mußte, wollte man seine Wirkungsweise erkennen. Hier gab es keine Gestalt, die aus sich selbst wirkte, hier mußte interpretiert werden, was nur insofern gelang, wenn der geistige Spielraum des Lesers groß genug war, um mit dem Erkennen beider extremer Deutungsmöglichkeiten auch die dazwischen liegende Welt zu akzeptieren. Keine hinlänglich allgemeine Kunst, die nur irgendwelche beabsichtigte Interpretationen zuließ, sondern die höchstmögliche Vieldeutigkeit: eine Annäherung an die unmögliche Wahrheit im Gestatten aller denkbaren Irrtümer - das war die Ästhetik seiner Texte.


Auch an diese literarischen Versuche dachte er auf seinem morgendlichen Weg durch den Park. Inzwischen war es hell geworden; er kam dem Ausgange näher, das Geräusch des Parkes mit den Stimmen der Vögel, des Windes in den Bäumen und dem Rascheln des Laubes unter seinen Füßen begann dem erwachenden Lärm der Stadt zu weichen. Er stellte sich die Frage, ob er wohl in dem Auftraggeber seines letzten Bildes, dem alten Hochschullehrer, einen Rezipienten auf für seine Texte hätte.


Nach seinem Frühstück verschnürte er das Bild und legte den Aktendeckel mit seinen Texten in eine Tasche, obgleich er sich noch nicht klar darüber geworden war, sie wirklich dem Dozenten zur Kenntnis zu geben.

 

Fortsetzung hier...




 

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