Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
im PANDAIMONION

Bestellen:
Lutz Baseler, Die neue Nacht
über pandaimonion.de

 

Lutz Baseler

 

Grauer Mond

I

Über Moose, Farne. Hängende Äste erschmeicheln dem Auge ein grünes Asyl. Später Nachmittag, Abend ante portas. Der jetzt sein Haus verlassen, muß ein festes Ziel haben, daß ihm Bleibe werde, für die Nacht. -


Dieses anstelle einer Exposition: und hierein eine Handlung, Handelnde, deren Konflikte, Scherben, Siegerkränze.. Ephemeres in Äonennebel schleiern.
Hintergrund sanfte Akkorde, in Moll. Und nun das Gefühl haben, Herr zu sein dessen, das da abläuft. Ausdruckszwang. Siegerposen. Unsichtbare, hilfreiche Hand, die das Rutschen der Hose hindert; dennoch Triumph. "Sehet, es wäre / arg um das Große bestellt, wenn es irgend der Schonung / bedürfte" - alles Große wurde nur deshalb, da anderes sich als noch geringer erwies. Und das Geringe: armselige Kruste; noch schneller gebrochen - wo wird Gegenstand..


Also ist es ein Weg. Gedanken auf diesem sind so gut wie Handlung. Athenes Atem als Zugeständnis.


Ortswechsel: Ersatzbefriedigung aus Handlungsunfähigkeit; Zwang jener, deren Vorstellungspotenz geschwächt. Neapel, die Pyramiden, Memphis, Pagoden und Taj Mahal, der kanadische Wald im Schnee, lappische Renherden, die Weite Rußlands.. ein paar Photos, Raunen, auf einem Polsterhocker ruhende Beine, imaginierte Erinnerung. Die Ereignisse entfalten sich nur in der Vorfreude und dem Nachgefühl - Wurzel der Liebe zum Herbst - Überhaupt: Freude - entweder ein Trotzdem oder ein Mißverständnis; ein Selbstbetrug aufgrund des Fehlens relativierender Momente.


Leise Klänge; weitere Rücksichten: Blick auf ein Gemälde; aus blaugrünem Wassergewölk tosende Stille. Im Kopf Verse aus der Weltliteratur: "Und solang du das nicht hast..." [Gefühlserektion].. - Es gibt Sätze, die möchte man nur in der Art gedruckt wissen, daß jedem Wort eine Seite gehört.
Dinge, Vorgänge, Zustände, einst gefürchtet, wurden Wünschbarkeiten, Ersehntes, Heilmittel böserer Stunden.


Die Suche nach Verläßlichem blieb in einem Sumpf von Surrogaten stecken; vielleicht, weil dessen Existenz zu unwahrscheinlich wurde.
Deshalb sich mit Auren umgeben, trotz oder gerade wegen deren Folgen. Zerebral leben. Große weiße Kugeln erdenken und sich an Schaukelstühle fesseln. Folgerungen aus einer Erfahrung, die Qual aus Handlungen entstehen sah, deren Einleitung einer Sucht nach Lustgewinn entsprang. Apotheose des Ekels.

 

II

Durch die Bäume eventuell ein Schimmer Lichts. Ahnung, wenn schon nicht des Zieles, so doch eines Etappenendes. Bäche: Rauschen und Glitzern, herab zum Ästhetischen vereinfacht. Beigaben des Lenkenden: Kriterium der Wahrhaftigkeit ist ein gesunder Vorbehalt gegenüber Begründungen. Peripher zu Denkbarkeiten; nicht Ziel der, sondern Antrieb zur Suche zeigen oder zumindest erahnbar werden lassen. Man erträgt Antworten nicht mehr, die Anmaßung unmöglichen Wissens.


Das Relief der Landschaft gestattet dem Bach, einen See zu bilden; an dessen schmalster Stelle eine Brücke: wiederum ein Symbol - dankbar und vielmißbraucht. Links (oder auch rechts) davon Badende - das Nymphenbild. Spiegelungen, rasch ziehende Wolken; jedoch vermögen, deren Irrealität Gestalt werden zu lassen durch Einbettung ins allgemeine Sinnbild. Im Hinterkopf die Vorstellung vom Konsumenten: mit Cognac; bequemer Leseplatz, angenehm temperiert, gut ausgeleuchtet; dünnes Glas reicht Handwärme an den Alkohol weiter. Hier könnte mit Blut geschrieben worden sein oder mit roter Tinte - wie unerheblich..


Zeiträume zerspellen, ihre Trümmer geben die Bausteine für das Folgende; was Wunder, wenn nicht deutbare Symbolik als Selbstzweck erscheint: Osterinsel; Rapa Nui.- Zu dieser späten Stunde jedoch, da die Steingesichter versinken ergibt sich ein zur Gegenwart passendes Sinnbild.. Neue Welten ersinnen? Worin bestünden diese?

 

III

Ein kühlerer Wind; die Lichtung, drei, vier Arten geschützter Pflanzen. Werden einst die Gräser selten, stellte man auch sie unter den Schutz, der das selbstzerstörerische Wesen unserer Spezies bemänteln soll? Perspektiven von Sand, Sonne und Wind eröffnen sich; darin gebleichte Skelette. Sich in die beruhigende Wirkung dieser Vision zurücklehnen. Zwei Wünschbarkeiten: die Simultaneität und eine möglichst kurze Wartezeit..


Doch bis dahin Erlebnis vielfältigster Gefühlsmodulationen; Hoffnungen, Sarkasmen, Lieben (Lieben!), Zynismen und Aberzynismen, ah! und damit den Ekel vor sich selbst vollenden.


Periodisch wiederkehrende Ahnung von Ewigkeit, ohne die Kraft zur einzig möglichen Konsequenz aufbringen zu können; geschähe es doch nur im Schlafe..


Das birgt die Überleitung zu vielen Gedanken, die eine gewisse Schicht und ihr vereinfachtes, vereinfachendes, erniedrigendes, besudelndes Denken (Denken: das bereits ein Widerspruch) als dekadent empfände, wäre sie dieser Empfindung mächtig: "ich möchte daß meine Liebe stürbe / daß es regnet auf den Friedhof / und in die Gassen wo ich gehe / jene beweinend die mich zu lieben glaubte" -


Tristanklänge, Ophelientränen - Sehnsüchte, gespeist aus Äonen der Qual; schwacher Trost aus dem Möglichkeitssinn. Verrauschen eines der letzten sophokleischen Chöre; die wichtigste Sehnsucht, wird sie faßbar, schon dahin.. Das Starren verschleierten Auges über Meere, die leer bleiben wie die ausgestreckte Hand. Nunmehr auch auf Bergen kein Wort.


Die einzige Konsequenz wehrt der hinterhältige Mechanismus, die Erfolgsgarantie des Allzunatürlichen - Jahrtausende des Schmerzes um die wenigen Sekunden.. Auch das ist Mensch. Und dann sich Paradise ersinnen, sich in Ewigkeiten interpretieren.. Mensch: nicht einmal pejorativ..

 

IV

Rückkehr in Umgebungen - und damit erschöpft es sich. Wer blieb übrig, was ist man selbst - geworden? Die wenigen Häuser, Bäume, Straßenlaternen. Die Suche nach Schwingungen und Hintergründen, vor denen zu handeln wäre. Was hätte man damit gewonnen - eine weitere Illusion. Die Nichtexistenz dessen, das als essentiell man erachtete, wie weit führte ein Einsehen in diese, obgleich sie dem eigenen Lebensfluß das Wasser abgrübe.


Die Abwesenheit von Lösungen nicht als überwindbare Schwierigkeit ansehen, sondern als gegeben. Zwang zur Aufrichtigkeit, Abwehr von Konventionen. Sich nach einem Jahrhundert wieder die Frage stellen müssen, was Reinheit, wie sie zu erreichen wäre. Mit der Erkenntnis eines Unbedingtheitsanspruchs jegliche Rücksichtnahme abstreifen können und dann trotzdem noch vermögen, Denkwege zu vollenden. Hier liegt die Gefahr der zerebralen Existenz. Und dann sich auf Suchen begeben; Städte, Flüsse, Wälder - Bäume, den Krücken Halt bietend im Vorwärtsziehen.


Ja, dieser Wald; nun dichter, dunkler; doch ein gerader Weg, aus forstwirtschaftlichen Überlegungen. Recht taugliches Gleichnis ambitionierten Künstlertums: sich seine Umgebungen erdichten und solange darin verwickelt sein, daß während des kurzen Aufschauens diese als reell erkannt; zuerst den Weg nach dem Wunsche festlegen, dann die Wälder daneben pflanzen. So wird man Herr der Umstände -

 

V

Zeiten verrauschen, Blüten neigen sich; Sonne bricht durch Bäume. Diesen Weg gehen, als gäbe es kein Zurück. Hier nun den Mittelpunkt der Zeiten bestimmen - und fühlen.


Eine neue Musik hebt an, "der Tanz von Kraft um eine Mitte"; Felsen hallen wider, Lichter oberhalb; unten ein gewundenes Flußbett - lange vorbei. Hier ist nun der Weg, und weitab der See. Wenig Klang wird den Ohren, den Augen kaum noch Licht. Abend beginnt den Wald zu hüllen. Wie eine Ahnung erhebt sich schwach Helligkeit, doch weit, weit.. - weit


In wenigen Schritten endet der Wald: Lokalbestimmung, Prädikat, Subjekt. Schon eine winzige Wendung nach links/rechts stellte den Wahrheitsgehalt dieses Satzes in Frage - doch was hälfe es; setzen wir den geraden Weg voraus. Freies Feld, Straße, Baum - bekannte Szenerie, bekannte Tätigkeit.
Doch das ist neu: eine Sonne, die aus Wolken sinkt und in den Horizont nun taucht. Dieser Moment - eine unerklärliche, beinahe mythische Einheit aus Weg, Licht und Zeit; eine Ausdehnung, eine Schwingung, eine Kreisbahn.
Für wenige Atemzüge steht die Sonne zwischen Wolken und Horizont, am Ende einer nach Westen weisenden Straße. Lange Schatten der beiden Bäume; des Betrachters Augen tränen - die Lider sind nicht zu schließen.
Ausmalen dessen, was hier fehlte. Nun, da der Horizont Segmente aus der Scheibe löst, sie bald halbiert.


INCIPIT TENEBRAE.


Die kaum wahrnehmbaren Änderungen, die Nuancen, sind die einzigen ästhetischen Sensationen. Das Übergehen eines gleißenden Rot in ein tiefes Blau. Erinnerungen; freie Rhythmen; der Septimenakkord in der Sekunde vor seinem Übergang in die Quinte; die große zur kleinen Terz.. Zwei Flöten in der Ferne.


Steigerungen, Fülle, Wohlklang; die nie gehörte Melodie. Und dennoch wie ein Aufleuchten von Erinnerung, mehr geahnt, denn gewußt. Bald unter Zuhilfenahme von Farben und Formen, von Abläufen. Aus Ahnung wird nahezu Wissen; Gesichter, Stimmen, Umgebungen; roter Wein in poliertem Glas.
Mit einem Mal jedoch dieser Akkord, vermindert, die Tonfolge sinkt herab. Tristanouvertüre. "Im Licht nur, um ins Dunkel zu gelangen" - erster Schmerz jenes Jahres..


Erneut Erinnerungen; ein wachsendes Blau und immer noch ein Ziel und keinen Weg. Kornfelder. Ein letztes Rot und bewaldeter Horizont - wie Flammen hinter durchbrochenem Schwarz.
Nun der Straße Bogen. Ein Dorf. Vielleicht der See; doch kann das nicht sein.
Auskunft wird werden, eine Umkehr nötig. Und dann durch die Nacht und über allem ein grauer Mond.

 

 

 

<zum Seitenanfang>


 

© PANDAIMONION 2000 - 2005
Alle Rechte vorbehalten.