Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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13. August 2005

Zitat


 

"O Freund, was die Kunstärzte der neuern Periode auch immer heilen und flicken mögen, sie bringen doch die von der tückischen Zeit verstümmelten Götter, wie z. B. diesen daliegenden Torso, nicht wieder auf die Beine, und sie werden immer nur als Invaliden und emeriti hier in Ruhe gesezt verbleiben müssen. Einst, als sie noch aufrecht standen, und Arme und Schenkel und Häupter hatten, lag ein ganzes großes Heldengeschlecht vor ihnen im Staube; iezt ist das umgekehrt, und sie liegen im Boden, während unser aufgeklärtes Jahrhundert aufrecht steht, und wir selbst uns bemühen leidliche Götter abzugeben. Kunstfreund, wohin sind wir gekommen, daß wir es wagen, diese großen Göttergräber aufzuwühlen, und die unsterblichen Todten ans Licht zu ziehen, da wir doch wissen, wie hart bei den Römern die bloße Verletzung der Menschengrüfte verpönt war. Freilich achten Aufgeklärte diese Verstorbenen jezt geradezu für Götzen, und die Kunst ist nur noch eine heimlich eingeschlichene heidnische Sekte, die an ihnen vergöttert und anbetet aber was ist es auch mit ihr, Kunstfreund? Die Alten sangen Hymnen und Aeschylus und Sophokles dichteten ihre Chöre zum Lobe der Götter; unsere moderne Kunstreligion betet in Kritiken, und hat die Andacht im Kopfe, wie ächt Religiöse im Herzen. Ach, man soll die alten Götter wieder begraben! "

August Klingemann
(Bonaventura)

 




 

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