Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
zum Thema im Internet

Die Internetpräsenz Harold Pinters

Harold Pinter auf nobelprize.org

"Zur Sprache, Schwätzchen", der Beitrag von spiegel online zur Preisverleihung an Harold Pinter


John von Düffel
begrüßt die Entscheidung der Schwedischen Akademie


Auch
die Wochenzeitung "Die Zeit" sieht in Pinter einen würdigen Nobelpreisträger


Zum Austritt des Nobelpreis-Juroren Knut Ahnlund aus der Schwedischen Akademie das
Svenska Dagbladet sowie die Wiener Zeitung

Das Feuilleton, wie es sich in seiner ganzen Meinungsvielfalt präsentiert:

Berliner Zeitung

Frankfurter Allgemeine Zeitung

tageszeitung

Frankfurter Rundschau

Welt

Neue Zürcher Zeitung

 

zum Thema im PANDAIMONION

Der letztjährige Nobelpreisträger für Literatur: Ein Blumenstrauß für Elfriede Jelinek

 

frühere Kolumnen

An heiligem Ort

Zwei Nachrichten

Tief gesunken

Masse und Geist

Regression

Philosophisches Quartett

Der Kanon. Die Romane. Der Reich-Ranicki

Zeitgeistliches

Die Fachsprache der Laien

Dichterdämmerung

Schöne neue Schreibe

 

 
13. Oktober 2005

Kolumne


Harold Pinter -
Literaturnobelpreisträger 2005

Der Zeitplan der Schwedischen Akademie bringt es mit sich, daß der Name des aktuellen Nobelpreisträgers für Literatur immer kurz vor der alljährlichen Pilgerfahrt der Herausgeber dieser Seiten zum Geburts- und Begräbnisort Friedrich Nietzsches, nach Röcken, bekanntgegeben wurde, worüber beide dann auf dem Wege dorthin sich trefflich streiten bzw. gemeinsam freuen konnten.

Letzteres kam nicht so häufig vor: sei es, daß - wie auch noch heute - die literarischen Vorlieben doch durchaus eigene Wege gingen, die kulturhistorische Sozialisation Baselers und Reimanns immer wieder andere Favoriten hervorbrachte oder daß an dem Range des Laureaten mehr oder weniger leise Zweifel angebracht schienen.

Hätten es berufliche Verpflichtungen, die Urlaubsplanung oder andere Unwägbarkeiten zugelassen, auch noch in diesem Jahre dem Philosophen in Röcken die Aufwartung zu machen, wäre sicherlich auf dem Wege der seltene Fall gemeinsamer Freude über die Entscheidung der Akademie eingetreten: Harold Pinter hat spät, doch gerade noch rechtzeitig die höchste Würdigung seines literarischen Schaffens erhalten.

Nun wird diese Freude gerade von der literarischen Welt nicht überall geteilt, was an und für sich auch gar nicht so verwunderlich ist: gibt es doch die unterschiedlichsten Geschmäcker und gerade, was die Kunst anbelangt, ist es genauso unmöglich wie unnötig, in deren Bewertung auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Der Ton allerdings, der von manchem angeschlagen wird, verwundert doch sehr. Denis Scheck spricht gar davon, daß die Weltliteratur beleidigt worden sei und die Jury sich blamiert habe. Eine Reaktion, die ein Jahr zu spät kommt; ein Urteil, das zu erwarten gewesen war, als jene unsägliche, Texte absondernde Schreckschraube zum Entsetzen aller Literaturliebhaber das non plus ultra der Literaturauszeichnungen hinterhergeschickt bekam.

Verwunderung nicht zuletzt deshalb, da doch mit Schriftstellerpersönlichkeiten wie Robert Musil, Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Hermann Broch oder Robert Walser aus diesem Land bedeutsame Beiträge zur deutschen Nationalliteratur kamen, die jedoch nicht die Krone der Literaturpreise erringen konnten.

Auch, daß die Auszeichnung für Pinter dreißig Jahre zu spät käme, wie andere Kritiker meinen, kann nicht unbedingt geteilt werden. Die Entscheidungen der Jurys, denen die Auswahl der Preisträger obliegt, zeichnet sich weder bei der Literatur noch den naturwissenschaftlichen Disziplinen durch zeitliche Nähe von Leistung und deren Würdigung aus: hier sei nur an Thomas Mann erinnert, dessen Auszeichnung unter nachdrücklichem Verweis auf seinen Roman "Buddenbrooks" erfolgte, dessen erste Auflage im Jahr der Preisverleihung an den Autor bereits 28 Jahre zurücklag.

Ebenso sollte nicht beunruhigen, daß Sigrid Löffler, die sich als Counterpart unseres Literaturpapstes ihre literaturkritischen Sporen verdiente und sich - wie es manchmal so kommt - für maßgeblich in Fragen der Literatur hält, "nicht im Entferntesten" Pinter für preiswürdig erachtet und ihn im übrigen für "démodé" hält.
Da die Gute ihr Kunstverständnis hinreichend als ein Viertel des "Literarischen Quartetts" unter Beweis gestellt hat, spricht dieses Urteil nicht gegen die Entscheidung der Nobelpreis-Jury.

Überhaupt "démodé": Es ist eine Eigenart des (west-)europäischen Kulturbetriebs, die Mode als Kriterium für Güte und Gültigkeit, für Qualität und Aktualität zu setzen. Gerade die Diskussionen dieses Gedenkjahres um die Gegenwärtigkeit des vor 200 Jahren verewigten Dichterfürsten sollten zumindest Denkanstoß dafür sein, zurückliegende Betrachtungen durchaus als Analogon für zeitgenössische Probleme heranzuziehen: Das gegenwärtige Ringen in der Berliner Politik um personelle und programmatische Konstellationen, die den erdrückenden Problemen angemessen und gewachsen wären, erinnert beispielsweise fatal an "The Dumb Waiter", ein frühes Stück Pinters.

Dieses endet, wie es zu befürchten war.

 

Lutz Baseler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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