Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 

 

 

Archiv - Kolumne 3/2002

Zeitgeistliches

In der Gesellschaft unserer amerikanischen Freude vollziehen sich manche Entwicklungen schneller, äußern sich gewisse Phänomene drastischer. So werden bereits jüngere Menschen, die gerade ihre Ausbildung oder die ersten Jahre erfolgreicher beruflicher Tätigkeit hinter sich haben, von Symptomen einer Krise ergriffen, die sonst nur ältere Herren bei Eintritt in ihren zweiten (oder dritten?) Frühling packt - die "Quarterlife-Crisis".

Auch in der "Alten Welt", in dem man gern jeglicher Modekrankheit, die jenseits des Atlantiks ihren Ursprung hat, hinterherhechelt, wurde unter Mittzwanzigern dergleichen beobachtet.

Sie haben gestrebt, beste Zensuren erreicht, das erste große Geld verdient, fahren Nobelkarossen, leisteten mehrere Male bei musikalisch-rauschhaften Großereignissen kollektive Erholungsarbeit und stehen nunmehr, nachdem der ihrer Welt verfügbare Erlebnisfundus ausgeschöpft, vor der Frage: was kann jetzt noch kommen?

Man könnte vermuten, daß Konsum, Psychotherapeuten, ausgedehnte Fernreisen und der voraussehbare Finanzbedarf den diese Lebensführung mit sich bringt, neue Herausforderungen schaffen werden und das Gefühl, mit den falschen Werten ein diffuses Dasein zu füllen, gar nicht erst aufkommen lassen. Aber irgendwie scheint sich doch in diesen Naturen ein ungestilltes metaphysisches Verlangen zu regen.

In der Tat, eine Gesellschaft, die ihr Wertesystem im wesentlichen auf das Einnehmen und Ausgeben von Geld gründet, deren Mitglieder gern "Verbraucher" genannt werden, was folgerichtig ist, da sie - kulturell gesehen - eher aus dem Vorgefundenen schöpfen, als sich mit eigenen Beiträgen an der Vergrößerung der Substanz beteiligen; eine solche Gesellschaft ist, wenn die Frage auf den Sinn des Daseins kommt, schnell um Antworten verlegen.

Gut, das religiöse Element des sich christlich gerierenden Abendlands hat dann schon mal herzuhalten, wenn Sinnfragen allzu dringend gestellt werden, wenn die engen Grenzen des Konsumentendenkens dem tieferen Ausloten einer zunächst unbegreiflichen Situation Einhalt gebieten.
Vermutlich wird aus diesem Grund die Autorität des geistlichen Beistands mit Hilfe einer wachsenden Präsenz von Fernsehgeistlichen in Unterhaltungsserien oder Gesprächsrunden gestärkt.

Aber aus der Religion scheint auch nicht das Mittel zu erwachsen, das fundamentale Seinskrisen zu bewältigen hilft. Zu vage und zu obsolet sind die Tröstungen, die Heilsversprechungen, zu unglaubwürdig dem naturwissenschaftlich Gebildeten das jenseitige Dasein, als daß es über das Fehlen von allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Werten und Zielvorstellungen hinweghelfen kann.

Die Quarterlife-Crisis der jungen Generation ist in ihrem Wesen die Endlife-Crisis der westlichen Zivilisation, das "öde weh" derjenigen, die "im überflusse siech", sich nach "reinem odem" und "klarem quell" sehnen und die an dem für sie Unfassbaren zerbrechen, nicht einmal mit Schätzen, "Wie fracht von hundert schiffen kostbar", jener Ödnis einer sinnfreien Existenz entfliehen zu können.

Aber es wird, wie in dem Werk Georges, kein Zurück zur "mutterstadt" geben: zu weit entfernt die "reine höhe", zu weit entrückt die "weihebilder", das Licht "ewiger sonnen" - und folgerichtig die Verheißung:
"Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel."


Thomas Brandstätter

 

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