Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Ein Interview mit einer Schülerin, die gegen die neuen Rechtschreibregelungen geklagt hat, veröffentlicht spiegel online

 

 

 

Archiv - Kolumne 2/2005

Schöne neue Schreibe

Seit dem 1. August ist es amtlich, das modifizierte Regelwerk der deutschen Orthographie, mit dem künftig Schüler, Beamte, Zeitungsverlage und andere an der offiziellen Benutzung der Schriftsprache Teilhabende umzugehen haben.

Halt - nicht alle: die deutsche Kleinstaaterei ermöglicht, daß an Rhein und Isar die bewährte Rechtschreibung beibehalten werden kann und die daraus folgenden Verwicklungen, wenn ein Schulwechsel beispielsweise von Ulm nach Neu-Ulm nötig wird. Doch da dies so häufig nicht sein wird, können die wenigen davon Betroffenen sich in dem Falle einfach umgewöhnen.

Daß es in vielen Fällen - vor allem bei der Getrennt- und Zusammenschreibung - den Verlust von Bedeutungsvarianten gibt (erinnert sei an den vielzitierten "viel versprechenden Politiker", den es nur noch in dieser Variante geben soll, was jedoch in Anbetracht des Mangels an vielversprechenden Politikern durchaus akzeptabel ist), daß es bei Komposita zu einer Häufung dreier Vokale oder Konsonanten kommt, was bei "Teeei" oder "Schifffahrt" ästhetisches Unbehagen bereitet oder die hanebüchenen Kommaregeln: all das schafft weder die als Argument bemühte Eindeutigkeit oder Vereinfachung, sondern verarmt ein über Jahrhunderte gewachsenes Kulturgut.

Allerdings, so muß man hier auch einwenden, ist eine solche Schriftsprache für die Zwecke, zu denen sie zunehmend benutzt wird, hinlänglich differenziert: für die lediglich eine Ideologie illustrierenden Elaborate des Literaturbetriebs, die eine sehr großzügige Gesellschaft bisweilen mit Nobelpreisen nachträglich rechtfertigt, die Schriftform einer inzwischen ohnehin ins Schimpansige abgeglittenen Sprache der allgegenwärtigen Reklame oder das sich weder syntaktischer, grammatikalischer noch semantischer Regelwerke scherende Idiom der Gazetten.

Die vereinzelten Widerständler, die sich jetzt zuweilen noch regen, werden im Laufe der Zeit, allein schon aus biologischen Gründen, verstummen. Vermutlich werden die Probleme, denen das Abendland in Zukunft gegenüberstehen wird, das der Sprache ins Marginale verschieben wie alle anderen Fragen der Kultur, die zum Teil dort ohnehin bereits angesiedelt sind.

 


Thomas Brandstätter
(13. August 2005)

 

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