Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Reflexionen zur Sendung "Philosophisches Quartett":
DIE ZEIT 04/2002: Jan Ross, "Die neuen Sophisten"

(wachsender zeitlicher Abstand kann dazu führen, daß die Seiten, auf die an dieser Stelle verwiesen wird, nicht mehr im Bestand des jeweiligen Anbieters vorhanden sind)

 

 

 

Archiv - Kolumne 1/2002

Philosophisches Quartett

Im Fernsehen übertragene Gesprächsrunden legen in ihrer Unverbindlichkeit wohl beredtes Zeugnis unserer Kultur ab: viele Worte und Aufgeregtheiten, doch in ihrem Ergebnis gänzlich folgenlos - womit der Charakter unserer Zeit eine schöne Entsprechung findet.

Peter Sloterdijk, der publikumswirksamste und folgenreichste zeitgenössische Philosoph, sprachmächtig, zuweilen bis hin zur Unverständlichkeit, wird in den kommenden Monaten, gemeinsam mit dem Fachrichtungskollegen Rüdiger Safranski, der in den letzten Jahren mit leicht ins populärwissenschaftliche spielenden Publikationen hervorgetreten ist, eine Gesprächsrunde gestalten, in der mit zwei Gästen, die zum jeweils zu bewältigenden Thema als besonders aussagefähig gesehen werden, allgemein interessierende Lebensfragen aus philosophischer Sicht erörtert werden.

Wenn ein Dialog zum Thema "Angst" geführt werden soll, so jener der Auftaktsendung, fallen dem unvoreingenommenen Zuschauer ein gutes Dutzend potentieller Gesprächspartner mit durchaus verwertbarer Angsterfahrung ein: Raubtierbändiger, Angehörige von Sondereinsatzkommandos, Regierende im Wahljahr, Taxifahrerinnen der Nachtschicht, Extremsportler, Studenten des vierten Semesters vor der zweiten Nachprüfung im Hauptfach... - eine doch recht abwechslungsreich weiterzuführende Reihe, in der ein Geistlicher eher weniger vermutet würde.

Doch genau ein solcher, der ostdeutsche Protestpfarrer Schorlemmer, komplettiert zusammen mit dem Bergsteiger R. Messner das titelgebende Quartett, deren Erörterungen das Gefühl der Angst dem Fernsehpublikum von einer Metaebene her verdeutlichen sollte.

Wenn ein Pfaffe über Angst schwadroniert und dabei zu erwähnen vergißt, daß die Geschäftsgrundlage der von ihm vertretenen Einrichtung seit Jahrtausenden im Schüren vielfältigster Ängste beruht, verliert das ganze schöne Geplauder neben seinem Anspruch auf Erkenntnisgewinnung auch den der Aufrichtigkeit.
Wieviel Grausamkeiten durch Folter und Mord, wieviel an Leib und Seele kranke Geschöpfe, Fanatiker und im religiösen Wahnsinn Versunkene haben Glaubenskriege, Moraldiktat, Gesinnungsschnüffellei, Denunziation im Namen der alleinseligmachenden Kirche hervorgebracht - eine Institution, die ihrer Klientel hilft, Probleme zu lösen, die diese ohne sie nicht gehabt hätten.

Als einziger dieser Runde über praktische Angsterfahrungen aussageberechtigt war R. Messner, der als Extremsportler exemplarisch für eine Zeit steht, in der es echte Herausforderungen an die Instinkte nicht mehr gibt - Instinkte, die wir als Jäger, Krieger, Entdecker, als die listigen Tiere, seit Jahrmillionen ausgebildet haben und deren Impulsen zu folgen die gesellschaftlichen Konventionen uns nicht mehr zugestehen können. Messners Beiträge zu dem ansonsten belanglosen Dozieren der Theoretiker hatten den Vorteil, verarbeitete Erlebnisse darstellen zu können, was ihn in diesem Kreise als wirkliche Bereicherung erscheinen ließ.

Was nimmt nun der Zuschauer des "Quartetts" mit, worin bestand die Quintessenz dieser "eminent sophistische[n] Veranstaltung", dieses "Akt[s] des geistigen Schaugewerbes" (Jan Ross in der ZEIT)? Was geben ihm die artigen Statements, die geschliffenen Sentenzen, nützt es ihm, wenn er seine Gedanken zum Thema "Angst", die er sich tagtäglich - notgedrungen - über die großen und kleinen Bedrohungen seiner Existenz durch den Kopf gehen läßt, einmal in exquisiter, berufsphilosophischer Diktion vorformulieren läßt, um sich hinterher sagen zu müssen, nun zwar wunderbar beschreiben zu können, was ihn da bedrückt, zu dessen Bewältigung aber nichts hinzugelernt zu haben?

Es bleibt, was schon vorher konstatiert: Belanglosigkeiten, äußerst kompetent vorgetragen, viel Lärmen um nichts, Sendezeit glücklich herumgebracht, ein paar Namen wieder einmal gehört, die Erinnerung an ein paar Gesichter wieder aufgefrischt und die - bis zur Redundanz wiederholte - Erkenntnis, vom Fernsehen nicht wirklich unterhalten zu werden.

 

Lutz Baseler

 

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