Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 

 

 



 

 

 

 

Archiv - Kolumne 2/2002

Der Kanon. Die Romane. Der Reich-Ranicki.

Das Individuum in der westlichen Gesellschaft ist seit Jahrhunderten von zwei wesentlichen Formen der Fremdbestimmung determiniert: dem Diktat des Geldes und dem des Zeitgeschmacks - wobei beide Komponenten in einem fatalen Zusammenhang stehen.

Derjenige, dem das Schicksal Wohlstand und Möglichkeiten zu dessen Erhalt und Mehrung zugestanden hat, kann sich die Dinge leisten, die der Zeitgeist als "modern" gelten lässt, wie es von einem mehr oder weniger berufenen arbiter elegantiae bestimmt wird. Die häufig in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Wert des Gegenstands stehenden Preise sind daher nur als Sonderabgabe für die Zugehörigkeit zu den erlesenen Zirkeln des Zeitgeschmacks zu sehen.

Inzwischen hat sich der Konsument mit seinem Drang, geschmacklich auf der Höhe der Zeit zu sein, an die Handreichung von "Hitlisten", "Rankings" und "Best of"-Kompilationen gewöhnt. So nimmt es nicht wunder, daß auch der sensible Bereich der Kultur, bzw. das, was gemeinhin dafür gehalten wird, förmlich nach der Gliederung unter die Prämissen eines modernen Geschmacksratgebers schreit. Das einschlägige Unterhaltungsprogramm bietet daher - als Einschub in die omnipräsente Werbung - Hitparaden der unterschiedlichen Sparten an: der Klassik, der Volksmusik, der Filme und natürlich auch der Literatur; säuberlich getrennt nach Sachbuch und Belletristik und diese (Der Kanon. Die deutsche Literatur. Romane. Herausgeber: Marcel Reich-Ranicki, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002) nun auch noch nach Gattungen.

Eine solche, überdies zutiefst persönlich geprägte Hitparade mit wenigen Ansätzen zur Verallgemeinerung, zu einer Überführung in ein kulturelles Muß des sich belesen gerierenden Bildungsbürgers legt ein Großkritiker vor, nennt es Kanon, adelt es mit seiner Herausgeberschaft und hofft, gemeinsam mit dem Verlag, auf merkantilen Erfolg.

Über die Notwendigkeit eines Lesekanons, über eine Sammlung beispielhafter, in ihrer Zeit und gemessen an ihrem Gegenstand sowie ihrer Ausführung das Vollkommene streifende Werke der Literatur, deren Kenntnis als Maßstab gediegener Bildung dienen kann, ist viel gestritten worden.
In einer Zeit, deren wesentliches Merkmal eine allgemeine Beliebigkeit ist, die für sich die bald gar nicht mehr scherzhaft gemeinte Abwandlung des "Wissen ist Macht" in ein "Nichts wissen, machts nichts" geprägt hat, wäre ein Kanon verbindlicher Bildungsinhalte und im Geist präsent zu haltender Kulturgüter durchaus zu empfehlen.

Allein, ein solches Unterfangen scheitert von vornherein an den Umständen: Ein Kanon ist ein Diktat und ein solches verträgt sich schlecht mit einer Kultur, deren oberstes Ziel die Freizügigkeit ist. Und so steht man vor den zwanzig auserwählten Romanen als dem Ergebnis einer kenntnisreichen Willkür: einige Werke wären in der eigenen Auswahl auch vertreten gewesen, aber Kriterien, die Aufnahme oder Ausschluß so manch anderen Romans rechtfertigen, sind eher zu konstruieren denn zu erkennen. So ist zum Beispiel der "Törleß" ein wichtiger Roman Musils, aber weshalb fiel die Wahl nicht auf den "Mann ohne Eigenschaften" - ein Werk mit ungleich größerer Welthaltigkeit, ein Epochenspiegel ersten Ranges - war es am Ende dessen Umfang, der sich in dem geplanten Schuber nicht unterbringen ließ?

Bereits die Beschränkung auf zwanzig Bände läßt als ein bestimmendes Auswahlkriterium den vorgesehenen Verkaufsumfang vermuten; denn diese Zahl stellt dem Auswählenden wie der Auswahl ein Armutszeugnis aus: Ganze zwanzig Romane von siebzehn Autoren sollen repräsentieren, was Jahrhunderte deutscher Literatur als Botschaft für die Gegenwart bereithalten? Damit fast-food- und crashcourse-Konsumenten Haken auf die "Erledigt"-Liste setzen können?

Andererseits ist das schon ganz in Ordnung. Für die Party-Konversation ist dieser Kanon ein schier unermeßlicher Fundus von wirkungsvoll anzubringenden Zitaten, um Belesenheit zu demonstrieren. Da die jeweiligen Gesprächspartner aus derselben Quelle schöpfen, kann man sich Achtung und Verstehen auf gleichem Niveau sicher sein.

Für diejenigen, denen das nicht reicht, gibt es die Literaturgeschichtschreibung, um Impulse zu geben und Interessen zu wecken, gibt es das Gespräch unter Gleichgesinnten und den Buchhändler ihres Vertrauens.



Thomas Brandstätter

 

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