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Archiv - Kolumne 1/2005

Ein Blumenstrauß für
Elfriede Jelinek

 

Kein gesunder Mensch setzt sich hin und schreibt Gedichte, Theaterstücke, Erzählungen oder Romane. Jeder tüchtige Psychiater empfiehlt seinen Opfern: "Schreiben Sie alles auf, was Sie beschwert, oder malen Sie Bilder." Es ist zuweilen schön, was diese Kranken hervorbringen.

Thomas Manns Tagebüchern ist zu entnehmen, daß ihr Verfasser ein ziemliches Scheusal gewesen sein dürfte, was für nicht unmittelbar Betroffene, die den Zauberberg gelesen haben, ohne Belang ist. Ein Schriftsteller ist an seinem Werk zu messen, an nichts sonst.

Kein Roman in deutscher Sprache beschreibt den Untergang, in dem wir uns einrichten seit zweihundert Jahren, adäquater in der ihm gebührenden Tragik als der Zauberberg.

Thomas Manns großer Antipode, Bertolt Brecht, auch ein Scheusal, brachte unsere Befindlichkeit auf den simplen wie genialen Nenner: "Nach uns wird kommen nichts Nennenswertes."

Thomas Mann grämte sich ein wenig, als er 1929 den Literaturnobelpreis ausdrücklich für die Buddenbrooks zugesprochen bekam und nicht für den Zauberberg oder das Gesamtwerk. Er hätte den Preis zurückweisen sollen, dessen Stifter, Alfred Nobel, der Menschheit die segensreiche Erfindung des Dynamits zuteil werden ließ, aber Thomas Mann war defizitär und daher ruhmsüchtig.

Goethe meinte, jeden Fehler verzeihe er dem Menschen, keinen Fehler verzeihe er dem Dichter. Also Schwamm drüber. Es gibt den Zauberberg, die Buddenbrooks und Tonio Kröger.

Der Nobelpreis für Literatur wird jedes Jahr vergeben. Heuer, ein Menschenalter nach Thomas Mann, hat ihn Elfriede Jelinek bekommen. Elfriede Jelinek ist Österreicherin, schreibt in deutscher Sprache, und Elfriede Jelinek ist, im Gegensatz zu Thomas Mann, im Kopf wahrscheinlich gesund, denn sie bringt alles, was sie bedrückt, in einer Unbeschwertheit zu Papier, die fasziniert und entzückt.

Sprache und Denken sind Geschwister; die Sprache bringt das Denken an den Tag. Darum ist es zu begrüßen, daß endlich eine Frau, die unverblümt schreibt, was sie denkt, die höchste literarische Auszeichnung, die es gibt auf der Welt, entgegennehmen darf. Doch sie will nicht hingehen zur Preisverleihung, ließen die Zeitungen verlauten. Das wäre schade, ist aber nachzuvollziehen. Viele verlogene Schriftsteller haben verlogene Reden gehalten in Stockholm. Wer will sich da schon einreihen?

Schade ist in jedem Falle, daß die Laureatin von den meisten Juroren offenbar nur in Übersetzungen gelesen worden ist. Nur dadurch ist die relativ späte Ehrung zu erklären. Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek hätte den Nobelpreis für Literatur schon viel eher verdient gehabt. Thomas Mann war jünger als Elfriede Jelinek heute ist, in jenem Jahre 1929, da er den Preis erhielt.

Relativ kurz, nachdem der Sprachtitan Günter Grass diese Auszeichnung entgegennehmen durfte, scheint das Stockholmer Gremium sich selbst und der literarisch interessierten Weltöffenlichkeit zuraunen zu wollen: "Deutsch lernen! Deutsch ist eine schöne Sprache, deren Exponenten, die Schriftsteller und Schriftstellerinnen, wie Elfriede Jelinek, frisch und unverstellt drauflos zu erzählen vermögen."

Sollte Elfriede Jelinek nicht in die schwedische Hauptstadt fahren im Dezember zur Preisverleihung, bekäme sie die schönen Blumen nicht, die es dort zu gegebenem Anlaß alljährlich gibt. Dabei freut sich jede Frau über Blumen. Deshalb von hier aus, von den Autoren des PANDAIMONION, symbolisch einen Blumenstrauß für Elfriede Jelinek.

Stolz sein darf nun auch die Republik Österreich auf seine literarische Exponentin. Der böse Haider freilich wird sich ärgern. Die Jelinek konnte der noch nie leiden, wahrscheinlich deshalb, weil er nicht so schön schreiben kann wie sie, stattdessen immer nur redet.

Österreich hat schon immer bedeutende Frauen hervorgebracht, allen voran die Kaiserin Maria-Theresia, aber auch die heute noch in vielen, gerade auch deutschen Herzen lebendig gebliebene Sissy, die einzige, die nett zu Ludwig II., dem Märchenkönig, war. Erinnert sei nicht zuletzt an Romy Schneider. Lauter aufrichtige Frauen, die meinten, was sie sagten, wie Elfriede Jelinek.

Österreich hat auch bedeutende Männer hervorgebracht, unsterblich auch diese heute noch in manchem deutschen Herzen. Erinnert sei an Prinz Eugen, der die Türken besiegte, an Niki Lauda und Gerhard Berger, die im Auto allen davonfuhren, heute ihres wohlverdienten Ruhestandes genießen.

Ohne bedeutende Österreicherinnen und bedeutende Österreicher wäre die Welt ärmer. Elfriede Jelinek und der Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, sind lebendige Beweise für die Notwendigkeit der Österreicherinnen und Österreicher im öffentlichen Leben allüberall. Wen hätten denn die Kalifornier sonst nehmen sollen als jenen Österreicher, der besser zu ihnen paßt, als sie selbst zu sich passen? Wen hätte das Nobelpreiskommitee sonst nehmen sollen, als jene Österreicherin, die, wie niemand zuvor, würdig ist, den Parnaß zu besiedeln?

Gott schütze das heilige Österreich vor den Säuen! Gott schütze die deutsche Sprache vor den Säuen!


Carl Heinze

 


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