Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 

 

 



 

 

 

 

Archiv - Kolumne 2/2001

Tief gesunken

Es ist die Erfahrung unserer Gegenwart: Eine kulturelle Entwicklung geht dann in Degression über, wenn sie beginnt, sich selbst, ihre Protagonisten und (in einem fortgeschrittenen Stadium) die Entstehung von deren Werken zu reflektieren.

Das Fehlen von Substanz, von zukunftstragenden Entwürfen, letztlich einer metaphysischen Idee, die ein Fortschreiten ermöglicht und philosophisch sanktioniert, läßt notwendig das Denken eines Zeitalters in Selbstreferenz erstarren. Im Zerpflücken des Vorgefundenen, im Einpassen fremder Theoreme als Autoritätsbeweis in den gerade aktuellen Kontext äußert sich eine Scheinaktivität des Denkens, deren Wirkung sich darin erschöpft, das Feuilleton zu beruhigen. Das 20. Jahrhundert hat vor der Fülle des Ererbten, das, da nicht erworben, kein Besitz wurde, kapituliert.

Auf welche Weise wäre denn überhaupt ein "kulturelles Leben" zu strukturieren, aus dessen nivellierter, in events ertränkter Ereignislosigkeit sich kein Höhepunkt zu markieren vermag - sei es als Kunstwerk, sei es als philosophische Betrachtung -, die die Sphäre bloßer Zustandsbeschreibung verläßt?

Die universelle Verfügbarkeit jeglichen Wissens, die in ihrem Keim durchaus die Möglichkeit eines Fundaments gewaltiger Schöpfungen trägt, ist insofern janusköpfig, als die mit ihr umgehende Mediokrizität lediglich zum Verwalter, doch nicht zum Gestalter taugt.

Strömungen und Schulen, welche die philosophische und kulturelle Öffentlichkeit prägten und gliederten, sind Vergangenheit, ebenso ist keiner der "großen Einzelnen" sichtbar, aus deren Diskurs sich über die Zeiträume hinweg eine kulturprägende Idee kristallisierte.
Übriggeblieben ist die reine Chronologie, die Ordnung des Vergangenen, die mithin eine Anlaß-Kultur gebiert.

Geburts- und Todestag eines Großen der Vergangenheit als Anstoß zum "Da war doch noch was", zur Absatzsteigerung mit Hilfe preiswerter, anders ausgestatteter Sonderausgaben, Ausstellungen, Verfilmungen zum Thema, zur Auftragsvergabe der öffentlichen Hand, von Stiftungen und Vereinen an Künstler, deren Artefakte mit dem im Gestern versinkenden Anlaß ihrer Erschaffung jeglichen Bezug zur Gegenwart verlieren und mithin nie die Chance einer Zeitlosigkeit hatten.

Ein Beispiel par excellence: Die Aktivitäten um Nietzsche aus Anlaß seines einhundertsten Todestags. Die verbilligte Kritische Studienausgabe, die bahnbrechende Schlechta-Edition als Dünndruck-Taschenbuch bei Zweitausendeins zum Preis eines annehmbaren Rotweins waren durchaus akzeptable Begleiterscheinungen des Ereignisses, das indes durch seine Omnipräsenz im Feuilleton, durch Features, Dokumentar-Hörspiele, Diskussionsrunden, Interviews, Äußerungen gefragter und ungefragter Kenner der Materie als "Nietzsche-Boom" schier unerträgliche Formen annahm.

Weimar, dessen provinzieller Charme Szenerie für das 1999-er Kulturstadtevent spielen durfte und das sich seit dem Ende der staatlichen Beschränkungen 1989 als Nietzsche-Ort zu profilieren sucht, schenkte der Welt eine Nietzsche-Ausstellung.

Was als thematischer Flohmarkt offensichtlich konzipiert und als solcher nahezu perfekt umgesetzt wurde, fand Ende April 2001 seinen adäquaten, banalen Abschluß: Das als Staffage und Ornament angehäufte Sammelsurium von Trödel, Kulisse eines schon im Ansatz gescheiterten Versuchs, das Leben Nietzsches in - ja, in welcher Weise? - zu illustrieren, wurde schließlich an das Publikum in einer Auktion verhökert.

Welch wunderbare Demokratisierung des nur als singuläre Erscheinung Denkbaren - Barttasse, Bilderrahmen, Fotoleinwand (mit leichten Gebrauchsspuren), ein Gemälde "mit 'ner Menge nackter Weiber", wie Kurator Öttermann im Rundfunkinterview hervorhob - ob sich die Anhänger des Philosophen mit Geboten übertroffen haben?

Falls ja, hätte man, Kästners eindringliche Warnung mißachtend, den Kakao in vollen Zügen genossen.

 

Lutz Baseler

 

 


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