Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
zum Thema im Internet

Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (4-7)
auf den Seiten der
Mauthner-Gesellschaft.
In der Internet-Ausgabe des Spiegel erschien der Beitrag, dem das Beispiel der SMS-Sprache entnommen ist.

(wachsender zeitlicher Abstand kann dazu führen, daß die Seiten, auf die an dieser Stelle verwiesen wird, nicht mehr im Bestand des jeweiligen Anbieters vorhanden sind)



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Archiv - Kolumne 1/2003

Die Fachsprache der Laien

Die Sprache ist ein lebendig Ding, und ihre Entwicklung hängt nicht vom Wollen oder von Zielvorstellungen bestimmter Interessengruppen ab.

Viele sprachferne Gesichtspunkte tragen zur Sprachentwicklung bei: die Lebensweise der Sprachnutzer, der technische Hintergrund einer Gesellschaft, Wege und Chancen, die zur Sicherung des täglichen Überlebens nötigen Gegenstände zu erlangen...
Dieser Aspekte gibt es viele und mithin auch der Spielarten und Tendenzen der gesprochenen und geschriebenen Sprache.

Da Sprache, wie alle Instrumente, derer sich der Mensch bedient, einem Hang zur Effizienz, zur Wirtschaftlichkeit bei ihrer Verwendung unterliegt, nimmt es nicht wunder, daß sich Formen der Kommunikation entwickeln, die mit sparsamstem Einsatz der Mittel das gewünschte Ergebnis zu zeitigen vermögen - gerade in einer Epoche, in der die arbeitsteilige Gesellschaft so viel individuelle Freizeit geschaffen hat wie nie zuvor und die, trotz der Notwendigkeit des Ersinnens immer ausgeklügelterer Methoden, die Langeweile zu bekämpfen, immer neue Wege sucht, weitere freie Zeit zu gewinnen.

"Der Mensch besitzt die Fähigkeit Sprachen zu bauen, womit sich jeder Sinn ausdrücken lässt..." (Wittgenstein). Ein solches "Bauen" wird gerade durch eine technische Neuerung befördert, mit der das Wesen der gegenwärtigen westlichen Zivilisation wunderbar versinnbildlicht wird: das Mobiltelefon. Omnipräsenz des Individuums, Kommunikation als Ersatzhandlung, Offenlegung der Persönlichkeit, brachiales Erscheinen und folgenloses Verschwinden und, per SMS, einem sich nur noch Eingeweihten erschließenden sprachlichen Code.

Dieser, so fürchten von Berufs wegen mit Sprache befaßte, verderbe die guten sprachlichen Sitten. (Man ist geneigt einzuwenden, es sei hier nicht mehr viel zu verderben - konnte vor Jahrzehnten dem Heranwachsenden Zeitungslektüre und der Hörfunk als Lehrbeispiel für schriftlichen und mündlichen Sprachgebrauch empfohlen werden, hält man sie inzwischen von diesen zu Sprachverhunzern mutierten Medien fern.) In der Tat bedarf es einiger Übung, in einem Gebilde wie "B4, we usd 2 go 2 NY 2C my bro, his GF & thr 3 :-@ kds FTF. ILNY, its gr8" (aus einem schottischen Schüleraufsatz) einen Mitteilung transportierenden Code zu sehen. Wittgensteins Aussage: "Der Satz ist ein Bild der Wirklichkeit" lässt sich hier in zweifacher Hinsicht deuten: Zum einen übermittelt die dargestellte Zeichenfolge denen einen Sinn, die Zugang zu einer Entschlüsselung der durch die verwendeten Zeichen repräsentierten Mitteilung haben und zum anderen zeigt die Form der Mitteilung einen bestimmten Zustand der verwendeten Sprache innerhalb einer kommunikativen Gruppe, von der andere Sprecher ausgeschlossen sind: "'Die Grenzen meiner Sprache' bedeuten die Grenzen meiner Welt" (Wittgenstein).

Wie weit die Welt derjenigen, die den SMS-Stil als Kulturkrise behandeln, von den Nutzern dieser Sprachform entfernt ist, läßt sich an den doch recht aufgeregten Reaktionen erahnen. Der Einbruch mündlich verwendeter Besonderheiten in die Schriftsprache wird von Puristen häufig als Signal verstanden, daß Gefahr im Verzuge ist.
Man muß es zwar nicht begrüßen, aber doch anerkennen, daß es ungezählte Sondersprachen und Sprachexperimente gibt, die ihre Welt, den Bereich ihrer Gültigkeit, erst dann verließen, um Allgemeingut zu werden, wenn von der Mehrheit der Sprachnutzer die Veränderungen als sinnvoll für eine eindeutige Verständigung und Kommunikation erachtet wurden.

Gemeinhin stoßen Sondersprachen rasch an Grenzen, die sie für eine allgemeine Verwendung untauglich werden lassen. Deshalb kann in jedem dieser Fälle mit einiger Gelassenheit reagiert werden.

Und das auch dann, wenn einige Elemente Eingang in die Alltagssprache finden sollten; denn man muß diese (wie beispielsweise das Ergebnis der jüngsten Rechtschreib-"reform") selbst nicht verwenden.

 

Lutz Baseler

(Die Wittgenstein-Zitate stammen aus dem Tractatus logico-philosophicus)

 

 


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