Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Das Prädikat Dichter"fürst", häufig ad nauseam strapaziert hat eine Steigerung erfahren:Deutschland hat den Superdichter gefunden!

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Archiv - Kolumne 2/2003

Dichterdämmerung

© PANDAIMONION
Das Schloß Belvedere im Dichtermekka Weimar, Schauplatz des Kampfes der Superdichter

Das Wesen einer Entwicklung umschließt Werden und Vergehen gleichermaßen. So entstand das Universum, das Leben, formten sich Weltreiche, hoben Epochen an, nur um, so ihre Zeit gekommen, den Weg eines Jeglichen zu gehen: zu enden, zu versinken, in Vergessenheit zu geraten.

Vertreter naturwissenschaftlicher Disziplinen wissen um diese Zusammenhänge: die Wurfbahn steigt bis zu einem Scheitelpunkt an, neigt sich dann dem Ausgangsniveau zu und endet, indem das geworfene Objekt, zwar seinem Ausgangspunkt entrückt, doch wieder die Gefilde erreicht, von denen es aufgestiegen.

Die Kunst eines Kulturkreises verhält sich analog; die Malerei, die Musik, die Dichtung - sie erleben ihr Entstehen im Dienste des Rituals, vervollkommnen ihre Mittel, emanzipieren sich vom Anlaß ihres Entstehens, treiben, wie von Ballast befreit schier unerreichbaren Höhen, ihrer Perfektion zu und sinken, entleert und erschöpft, einem stammelnden, lärmenden Ende entgegen, das schließlich im Verstummen mündet.

Der Kunsttheoretiker, bei der Strafe der eigenen Bedeutungslosigkeit zum Glauben an seinen Gegenstand verdammt, kann und will offenbar dieses Gesetz der Wurfbahn nicht wahrhaben. An die Karikatur dessen, das einmal Kunst hieß, wird immer noch der Maßstab gelegt, mit dem das Schaffen vergangener Epochen bewertet wurde. Und so behilft sich die Bewertung mit einem Betrachten der Quantität unter Vernachlässigung der Qualität.

Das was die Menge goutiert, was sich verkauft, letztendlich "rechnet" und Gewinn verspricht, muß einfach gut sein und der in Dezibel gemessene Geräuschpegel, der durch zustimmendes Händeklatschen, Brüllen und Bodenstampfen entsteht, ist eindeutiger, unumstößlicher Gradmesser für die Güte des vorgestellten Produkts.

Nach den von etlichen Fernsehsendern inzwischen öffentlich veranstalteten Talentsuchen, die jeweils in der abschließenden Präsentation von als "Superstars" bezeichneten Nachwuchskräfte endeten, war es nur eine Frage der Zeit, daß sich auch auf anderen Feldern, die von starken Niedergangserscheinungen geprägt sind, Suchen nach talentierten Glücksgriffen ereignen würden. Allerdings, und da sind wir wieder bei oben angesprochener Gesetzmäßigkeit, kann der Zeit und der Entwicklung nicht entgangen werden: wir bemerkten es bereits an anderer Stelle, keine Epoche hat es in der Hand, ob sie große Kunst zu gebären imstande ist.

Aber auf große Kunst konnte es einer Veranstaltung mit dem Titel "Deutschland sucht den "SUPERDICHTER" auch gar nicht ankommen, wenngleich (oder zumal?) ein Politiker, der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel als Schirmherr dieser Suche zeichnete - ein Rheinländer, dessen Karnevalserfahrung dieser Rolle sicher dienlich war.

Was sich da als Dichtung präsentierte, ginge bei einem nachsichtigen oder ahnungslosen Lehrer in einem Gymnasial-Projekt der Oberstufe Deutsch durch, das sich mit Plagiat und Parodie befaßt oder wäre eventuell Spaltenfüller für eine Satirezeitschrift. Immerhin werden die für Klein-Erna wesentlichen Gedicht-Kriterien eingehalten: es reimt sich und man kann drüber lachen...

Immerhin bietet einer der Sponsoren der Veranstaltung - ein bekannter Schwarzbierbrauer - den entscheidenden Hinweis: es gibt vielleicht gar keine so schlechte Lyrik, sondern allenfalls zu nüchterne Leser.

 

Lutz Baseler

 



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