Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
 

Archiv - Entdeckungen

Die Wiener Secession

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Man wähnt sich versetzt in die Werkstatt eines Konzertflügelbauers, befindet sich aber nur in einer Kunstausstellung.

Der Arbeitsmediziner hätte wenig einzuwenden: Die Höhe der Werkbänke entspricht den Anforderungen an eine ermüdungsarme Körperhaltung, und die Produktionsstätte ist ausreichend beleuchtet. In der geräumigen Werkstatt ist, trotz fehlender Fenster, eine angenehm frische Luft. Allerdings würde im Protokoll das gelegentliche Flackern der Leuchtstoffröhren vermerkt.

Auch den Besucher einer Ausstellung könnten diese Bedingungen, unter denen Kunstwerke präsentiert werden, entzücken - wenn da nicht ein entscheidender Mangel zu beklagen wäre: wo ist das Kunstwerk? Wird ein Klavierkonzert vorbereitet und das Instrument ist nach dem Transport noch nicht wieder zusammengesetzt? Sollen die Arbeitsschritte zur Herstellung eines Flügels gezeigt werden? Wollte man auf originelle Weise die Kinderfrage "Wie geht das?" zum Entstehen des Klangs in einem Tasteninstrument beantworten? Nein, nein, alles falsch, ein "Inverted Retrograde Theme" wird uns hier präsentiert und daß es sich um etwas besonderes handelt erkennt der Eingeweihte schon an Flügelrahmen, Korpus und Deckel, deren seitenverkehrter Aufbau eine gespiegelte Aufhängung der Saiten ermöglicht.

Weitere Unklarheiten beseitigt das Beiblatt zur Ausstellung, das dem Schöpfer des "Inverted Retrograde Theme", dem Briten Simon Starling, eine umfangreiche Recherche der Bedeutung des Vokabulars der Moderne bescheinigt und dessen Bestreben erläutert, "auratisch aufgeladenen Objekte (zu) verwandel(n), rekonstruier(en) oder in andere Kontexte und Materialien (zu) überführ(en)", womit "er Fragen nach ihren ursprünglichen Intentionen und Bedingungen (stellt)." Hervorgehoben wird, daß Starlings "Neudefinitionen dabei nicht wie die Avantgarde den Bruch mit der Geschichte sondern ihre Fortschreibung und Variation" (betonen).
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Wird gern als Aufforderung zur Willkür verstanden:
"DER ZEIT IHRE KUNST / DER KUNST IHRE FREIHEIT
"
(Inschrift am Portal der Wiener Secession)

War man zunächst noch simpel von einem eventuellen Verfremdungseffekt ausgegangen, der die Aufmerksamkeit auf die Sinngebung des Geschehens zu lenken trachtet und eine nicht ausgeschöpfte Alternative zeigt, oder auch von der Beschreibung der Artistik bei Benn als Versuch der Kunst, im allgemeinen Inhaltsverfall sich selbst als Inhalt zu erleben, erfährt man, daß es sich vielmehr darum handelt, "die Struktur der Zwölftonmusik von Arnold Schönberg mit der modernistischen Architektur des Ausstellungsraumes und der Bauweise eines Klavieres in Beziehung" zu setzen, womit "Aspekte der Spiegelung, Umkehrung und Translokation, die für die Zwölftonmusik charakteristisch sind, auf die Installation übertragen (werden), um einen neuen zeitgenössischen Blick auf die Moderne und das ihr innewohnende visionäre Potential zu lenken."

Und hierzu gehört auch das Flackern der Neonröhren, lernen wir, das "quasi als visuelle Partitur die Grundelemente der Zwölftonmusik Schönbergs" wiedergibt, womit auch das letzte Rätsel dieses Kunstwerks gelöst ist.

 


 

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