Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Erinnerung an den Philosophen in Turin (Juni 2000)
Das Nietzsche-Haus mit Gedenktafel

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Röcken, der Geburtsort Nietzsches

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Den Betrachter schauderts: Gemeinsam mit ihren Klonen starren sich in stummem Entsetzen die Protagonisten einer menschlichen Tragödie vor einer Schrebergartenkulisse an.

Bietet auch zeitgenössische Kunst nicht immer, man darf durchaus sagen: eher selten, reinen ästhetischen Genuß, so eröffnet sie doch gerade mit dem, was sie nicht darstellt, tiefste Einblicke in das Wesen ihrer Epoche. Mag die Laokoon-Gruppe - obwohl eher Spätwerk ihres Kulturkreises - in ihrem Kampf mit den Schlangen noch das Ringen einer jungen Kulturmenschheit um die Vorherrschaft der zukunftsfähigeren Kräfte offenbaren, illustriert beispielsweise Frank Stellas zusammengelöteter Schrott, will man neben dem bloßen Vorhandensein auch noch innewohnenden Sinn unterstellen, bestenfalls metaphorisch das Ende einer kulturellen Entwicklung, der die kindliche Ehrlichkeit und wohl auch Entdeckerfreude abhanden kam, sich die Nacktheit des Kaisers einzugestehen.

Nun ist, da der enthüllte Körper einmal erwähnt, Nacktheit per se nichts Ehrenrühriges. Drücken auf der einen Seite Wendungen wie "nackt und bloß" und "das nackte Entsetzen" Hilflosigkeit aus, verstärkt das Adjektiv in "die nackte Wahrheit" den Anspruch größtmöglicher Aufrichtigkeit.

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Erbärmlich: Wie der Künstler seiner Vision vom nacken Gesäß des Philosophen Gestalt gab...

In letzerem Sinne taucht die Nacktheit bei Nietzsche verschiedentlich auf, sei es in der Wendung "unbedingte Ehrlichkeit und Nacktheit" und auch in Zarathustras "Wer aus sich kein Hehl macht, empört: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit zu fürchten! Ja, wenn ihr Götter wäret, da dürftet ihr euch eurer Kleider schämen!".
Oder, an anderer Stelle: "Und ihr Weisen und Wissenden, ihr würdet vor dem Sonnenbrande der Weisheit flüchten, in dem der Übermensch mit Lust seine Nacktheit badet!"
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Das falsche Bild am falschen Ort: Der Weitsichtigste seiner Zeit und seither - auf seine Erkrankung reduziert

Das ist der Kontext, aus dem heraus der unbekleidete Körper Nietzsches als Skulptur legitim wäre, gleich der Beethoven-Plastik Klingers oder Rodins "Le Penseur", der über dem Höllentore thront - eine Bildgewalt, eine Bronze gewordene Metaphorik, den Titanen des Klanges und des Geistes angemessen.

Hier nun, in "Europa's Flachland", im Schatten des Kreuzes, bleibt von dem, "der einzig war", dessen Wirken den europäischen Geist wie kaum ein anderer Denker beeinflußt hat, lediglich die Darstellung seines letzten Lebensjahrzehnts wie der erbärmliche Triumph eines Anachronismus stehen.

Doch vielleicht erträgt der Dunstkreis des Pfarrhauses den Mistral nur auf diese Weise.

 

 




 

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