Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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2002
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Archiv - Editorials

Volkes Bildung

Im PANDAIMONION hat der Kanon - die Sammlung der für den Kulturmenschen unbedingt zur Kenntnis zu nehmenden Werke der Geistes - bereits eine Rolle gespielt. Wir kommen darauf zurück, da das Feuilleton, das nach dem PISA-Schock allenthalben Defizite im kulturellen Alltag der Deutschen aufzudecken bemüht ist, den Kanon - nicht allein den literarischen - als eine Hilfe diskutiert, möglichst flächendeckend die Ergebnisse menschlichen Erkenntnisstrebens im Volk zu streuen.

Tageszeitungen und Rundfunkstationen haben ihre Konsumenten aufgefordert, zum kürzlich vom Insel-Verlag begonnenen Kanonprojekt unseres Kritikerpapstes einen Gegenkanon zu entwerfen. Auch Vertreter der schreibenden wie der kritisierenden Zunft entdecken ihren Bücherschrank neu und empfehlen der hilflos im Dunklen tappenden Konsumentenschaft Höhepunkte ihres persönlichen Leserdaseins.

Alles in allem sind das rührende Versuche, einer kulturellen Ödnis zu begegnen, die den anderen gesellschaftlichen Katastrophen und Untergängen - Wirtschaft, Sozialwesen, Altersstruktur - zu allen Zeiten vorauszugehen, sie zum Mindesten zu begleiten scheint.

Allein, sie werden nicht die Not wenden können, so notwendig sie auch erscheinen mögen; denn bereits in ihrem Ansatz steckt die Wurzel ihres Scheiterns: der Versuch, demokratisch über verbindliche Regeln befinden zu lassen, enthält einen Widerspruch in sich; denn das Modell der "Demokratie" ist wesentlich konsensarm.
Selbst Entscheidungen von ungleich bedeutsamerer Tragweite, als es eine Sammlung allgemein zum Lesen empfohlener Bücher ist, finden bisweilen nur hauchdünne Mehrheiten, aber dafür eine Vielzahl unterschiedlichster Standpunkte. Sie sind von häufigem Wechsel und einer Maßlosigkeit bei der Äußerung persönlicher Auffassungen geprägt. Durchzusetzen vermag sich das Prinzip, das am rücksichtslosesten, am lautesten, am vor-lautesten, sich darzustellen vermag.

Der von den angesprochenen Medien inspirierte Kanonversuch wird, da er das ihm wesenseigene Merkmal der Beschränkung nicht kennt, in Beliebigkeit versinken.
Zeitgeistliches, Quoten, Ausgewogenheiten und was es der außerästhetischen Kriterien weiter geben mag, bestimmen mithin die Auswahl, vor der der Suchende so ratlos stehen wird wie vor dem Regal einer gut sortierten Buchhandlung.
Nunmehr wurde die Qual, sich für eine bestimmte Auswahl zu lesender Bücher entscheiden zu müssen abgelöst von einer noch schwerer zu durchschauenden Vielfalt von Leseempfehlungen.

Man errät es: das PANDAIMONION wird keine vordergründigen Lektürehinweise geben - nicht in der Form eines Kanons aber für den, der Augen hat zu sehen, aus der Vielfalt seiner Themen.
Die Erfahrung mit der Literatur hat gelehrt, daß nicht der Leser das Buch findet, sondern, wenn die Zeit dafür reif ist, wird man von dem Buch gefunden.
Und schließlich, so lesen wir in einem für jeden Kanon unumgänglichen Werk:
"Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen".


Lutz Baseler

 

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