Kunst und Kritik im zeitgenössischen Kontext

           
 
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Archiv - Zitate


"...moderne Großgesellschaften können ihre politische und kulturelle Synthesis nur noch marginal über literarische, briefliche, humanistische Medien produzieren. Keineswegs ist deswegen die Literatur am Ende aber sie hat sich zu einer Subkultur sui generis ausdifferenziert und die Tage ihrer Überschätzung als Träger der Nationalgeister sind vorüber."

Peter Sloterdijk


 

"Der Stümper weiß in keiner Kunst, wovon die Rede ist - er ahmt affenmäßig nach - und hat keinen Sinn für das Wesentliche der Kunst. Der echte Maler etc. weiß das Malerische und Unmalerische überall wohl zu unterscheiden. So ist es mit dem Dichter, dem Romancier, dem Reisebeschreiber ... Jede Kunst hat ihre Individuelle Sphäre - wer diese nicht genau kennt und Sinn für dieselbe hat - wird nie Künstler."

Novalis


"Das Zeichen, woran man am unmittelbarsten den echten Dichter sowohl höherer als niederer Gattung erkennt, ist die Ungezwungenheit seiner Reime: sie haben sich wie durch göttliche Schickung von selbst eingefunden; seine Gedanken kommen ihm schon in Reimen. Der heimliche Prosaiker hingegen sucht zum Gedanken den Reim; der Pfuscher zum Reim den Gedanken. Sehr oft kann man aus einem gereimten Versepaar herausfinden, welcher von beiden den Gedanken und welcher den Reim zum Vater hat. Die Kunst besteht darin, das letztere zu verbergen..."

Arthur Schopenhauer


"Solche Perioden, in welchen die Kunst keinen hochstehenden Vertreter hat, ... sind Perioden des Niederganges in der geistigen Welt. ...
Die Menschen legen zu diesen stummen und blinden Zeiten einen besonderen ausschließlichen Wert auf äußerliche Erfolge, sie kümmern sich nur um materielle Güter und begrüßen einen technischen Fortschritt, welcher nur dem Leibe dienen kann, als eine große Tat. Die rein geistigen Kräfte werden im besten Falle unterschätzt, sonst überhaupt nicht bemerkt ...
Die seltenen Seelen aber, die nicht in Schlaf gehüllt werden können und dunkles Verlangen nach geistigem Leben, Wissen und Vorschreiten fühlen, klingen im groben materiellen Chorus, trostlos und klagend. Die geistige Nacht sinkt allmählich tiefer und tiefer ...
Die Kunst, die zu solchen Zeiten ein erniedrigtes Leben führt, wird ausschließlich zu materiellen Zwecken gebraucht. Sie sucht ihren inhaltlichen Stoff in der harten Materie, da sie die feine nicht kennt ...
Die Kunst ist entseelt."

Wassily Kandinsky


"Die Weltangst ist sicherlich das schöpferischste aller Urgefühle. Ihr verdankt ein Mensch die reifsten und tiefsten aller Formen und Gestalten nicht nur seines bewußten Innenlebens, sondern auch von dessen Spiegelung in den zahllosen Bildungen äußerer Kultur. Wie eine geheime Melodie, nicht jedem vernehmbar, geht die Angst durch die Formensprache eines jeden wahren Kunstwerkes, jeder innerlichen Philosophie, jeder bedeutenden Tat und sie liegt, nur den wenigsten noch fühlbar, auch den großen Problemen jeder Mathematik zugrunde.
Nur der innerlich erstorbene Mensch der späten Städte, des Babylon Hammurabis, des ptolemäischen Alexandria, des islamischen Bagdad oder des heutigen Paris und Berlin, nur der rein intellektuelle Sophist, Sensualist und Darwinist verliert oder verleugnet sie, indem er eine geheimnislose "wissenschaftliche Weltanschauung" zwischen sich und das Fremde stellt."

Oswald Spengler


"...soll die Literatur auf jenem alten faulen von Musik und Malerei längst verlassenen Weg allein hinterbleiben? Steckt etwas lähmend Heiliges in der Unnatur des Wortes, was zu den Elementen der anderen Künste nicht gehört? Gibt es irgendeinen Grund, warum jene fürchterlich willkürliche Materialität der Wortfläche nicht aufgelöst werden sollte, wie z. B. die von grossen schwarzen Pausen gefressene Tonfläche in der siebten Symphonie von Beethoven, so dass wir sie ganze Seiten durch nicht anders wahrnehmen können als etwa einen schwindelnden unergründliche Schlünde von Stillschweigen verknüpfenden Pfad von Lauten"

Samuel Beckett


"Ein künstlerisches Band war da unmöglich, wo Alles nach Auflösung rang, wo das zwingende Band des historischen Staates zerissen werden sollte. Die Romandichtung ward Journalismus, ihr Inhalt zersprengte sich in politische Artikel; ihre Kunst ward zur Rhetorik der Tribüne, der Athem ihrer Rede zum Aufruf an das Volk.

So ist die Kunst des Dichters zur Politik geworden: Keiner kann dichten, ohne zu politisiren. Nie wird aber der Politiker Dichter werden, als wenn er eben aufhört, Politiker zu sein: in einer rein politischen Welt nicht Politiker zu sein, heißt aber so viel, als gar nicht existieren; wer sich jetzt noch unter der Politik hinwegstiehlt, belügt sich nur um sein eigenes Dasein. Der Dichter kann nicht eher wieder vorhanden sein, als bis wir keine Politik mehr haben."

Richard Wagner


"Das gute Kunstwerk der Erzählung wird das Hauptmotiv so entfalten wie die Pflanze wächst, immer deutlicher sich vorbildend, bis endlich als neu und doch geahnt die Blüthe sich erschließt. Die Kunst des Novellisten ist namentlich die, das Thema präludiren zu lassen, es symbolisch mehrermal vorwegzunehmen, die Stimmung vorzubereiten, in welcher man den Ausbruch des Gewitters anticipirt, benachbarte Töne der Hauptmelodie erklingen zu machen und so auf jede Weise die erfindende Fähigkeit des Lesers zu erregen, als ob er ein Räthsel rathen sollte; dieses aber dann so zu lösen, dass des den Leser doch noch Überrascht. - Wie der Knabe spielt, so wird der Mann arbeiten, ein Schulereigniss kann alle handelnden Personen eines politisch grossen Vorgangs schon deutlich erkennen lassen. -

Vielleicht ist auch eine Philosophie so darzustellen, dass man die eigentliche Behauptung erst zuletzt stellt und zwar mit ungeheurem Nachdruck."

Friedrich Nietzsche


"Jenseits aller Arten von Geschmack, die ich an mir kenne, der Verwandtschaften, die ich fühle, der Anziehungen, denen ich unterliege, der Ereignisse, die mir zustoßen und mir allein, jenseits der Menge von Bewegungen, die ich mich ausführen sehe, der Emotionen, die nur ich empfinde, bemühe ich mich zu wissen, worin, in Beziehung zu den anderen Menschen, meine Unterschiedenheit besteht, wenn schon nicht, wovon sie herrührt. Würde ich mir nicht in genau dem Maße, als ich mir diese Unterschiedenheit bewußt mache, das aufdecken, was ich unter allen anderen auf dieser Welt tun wollte, und welcher einzigen Botschaft Träger ich bin, damit ich für ihr Geschick endlich mit meinem Kopf bürge?

Ich fände es wünschenswert, daß die Kritik von solchen Überlegungen ausginge, im Verzicht, es sei wahr, auf ihre teuersten Vorrechte, aber indem sie sich, alles in allem, ein weniger eitles Ziel setzte als die automatische Zurechtrückung von Ideen; daß sie sich auf gelehrte Streifzüge in jenes Gebiet beschränke, von welchem sie meint, daß es ihr am meisten versagt ist: dort äußert sich nämlich die Person des Autors außerhalb des Werkes, ausgesetzt dem kleinen Geschehen des täglichen Lebens, in voller Unabhängigkeit und in einer oft so ganz anderen Weise."

André Breton
(deutsch von Max Hölzer)


"Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies, herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche und tierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt er auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise in Ketten und Banden; das Höchste, vom Irrtum geblendet, läßt er zur Seite liegen und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der Mensch um sich schauen kann.

Nun lässest du es von Zeit zu Zeit niederfallen wie Schuppen von dem Auge eines deiner Knechte, den du dir erwählt, daß er die Torheiten und Irrtümer seiner Gattung überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos und liebreich, mitten unter sie trete und sie mit Pfeilen, bald schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie befangen liegen, wecke.
Auch mich o Herr, hast du in deiner Weisheit, mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu deinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darniederliegt, und mit der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrheiten und Gleisnereien, von denen es die Folge ist."

Heinrich von Kleist


"Nie gab es so unkultivierte Oberschichten wie jetzt. Immer hatte die Kunst ein ihr angemessenes - einflußreiches Publikum. Heute ist die Situation die: Wenige vermögen die Masse daran zu hindern, ihre schlechten Lieblinge groß werden zu lassen - sind aber nicht imstande, ihre eigenen Begünstigten völlig durchzusetzen. Und zusammengerechnet machen die schlechten Künstler hintenrum immer noch die besseren Geschäfte...
Es ist das ökonomische Schicksal der heutigen Kunst, auf eine Masse wirken zu müssen. Etwas Inhomogenes, dem nur die Folgen der Massenpsychose gemeinsam sind...

Von seinen Idealen zu sprechen ist ein Vorrecht, das man nicht jeder Mutter von 5 Kindern einräumen darf. Nicht alles was notwendig ist, ist ein Ideal. Patriotismus, Straffheit, Ehrlichkeit, Tugend - sind im Ganzen notwendig, aber sie müssen hart u. stumm wie Stein sein, sonst verbreiten sie Leichengeruch. Meiner Ansicht nach ist die Tugend eines Schriftstellers wie Hesse eine solche Leiche, u. die lebende ist nicht weniger kompliziert u. unverständlich wie eine Perversität."

Robert Musil


"Um über einen Gegenstand gut schreiben zu können, muß man sich nicht mehr für ihn interessieren; der Gedanke, den man mit Besonnenheit ausdrücken soll, muß schon gänzlich vorbei sein, einen nicht mehr eigentlich beschäftigen. Solange der Künstler erfindet und begeistert ist, befindet er sich für die Mitteilung wenigstens in einem illiberalen Zustande. Er wird dann alles sagen wollen, welches eine falsche Tendenz junger Genies oder ein richtiges Vorurteil alter Stümper ist. Dadurch verkennt er den Wert und die Würde der Selbstbeschränkung, die doch für den Künstler wie für den Menschen das Erste und Letzte, das Notwendigste und das Höchste ist. Das Notwendigste: denn überall, wo man sich nicht selbst beschränkt, beschränkt einen die Welt, wodurch man ein Knecht wird. Das Höchste: denn man kann sich nur in den Punkten und an den Seiten selbst beschränken, wo man unendliche Kraft hat, Selbstschöpfung und Selbstvernichtung. Selbst ein freundschaftliches Gespräch, was nicht in jedem Augenblick frei abbrechen kann, aus unbedingter Willkür, hat etwas Illiberales. Ein Schriftsteller aber, der rein ausreden will und kann, der nichts für sich behält und alles sagen mag, was er weiß, ist sehr zu beklagen."

Friedrich Schlegel


 

"Die augenblicke rinnen meist gleichmässig fort, aber es kommen andere, in denen sich plötzlich ein unendliches an leben zusammenballt. Das ist nicht zu beweisen, nur zu erleben. Es hängt daran, dass man heidnisch ist. Dass man nicht vom sinnlichen wegsieht, um das göttlich zu erfassen, sondern das göttliche im sinnlichen sieht. Es gibt augenblicke - im organischen leben zeugung, geburt und tod, im geistigen leben liebe und geistige empfängnis, in der geschicht ein entscheidendes geschehn , unter den menschen das genie - in denen sich die gleichförmigen leben von generationen zusammendrängen.
Der sinn aber unseres staates ist dieser, dass für eine vielleicht nur kurze zeit ein gebilde da sei, das, aus einer bestimmten gesinnung hervorgegangen, eine gewisse höhe des menschentums gewährleistet. Auch dies ist dann ein ewiger augenblick wie der griechische."

Robert Boehringer


"Wie schön wäre es für einen, der Dichtung machen muß, wenn er damit einen höheren Gedanken verbinden könnte, einen festen, einen religiösen oder auch einen humanen, wie tröstlich wäre das für seinen Geheimsender, der die Todesstrahlen ausschickt, aber ich glaube, daß vielen kein solcher Gedanke tröstend zuwächst, ich glaube, daß sie in einer erbarmungslosen Leere leben, unablenkbar fliegen da die Pfeile, es ist kalt, tiefblau, da gelten nur Stahlen, da gelten nur die höchsten Sphären, und das Menschliche zählt nicht dazu...

Das moderne Gedicht, das absolute Gedicht ist das Gedicht ohne Glauben, das Gedicht ohne Hoffnung, das Gedicht an niemanden gerichtet, ein Gedicht aus Worten, die Sie faszinierend montieren. Und doch kann es ein überirdisches, ein transzendentes, ein das Leben des einzelnen Menschen nicht verbesserndes, aber ihn übersteigendes Wesen sein. Wer hinter dieser Behauptung und dieser Formulierung weiter nur Nihilismus und Laszivität erblicken will, der übersieht, daß noch hinter Faszination und Wort genügend Dunkelheiten und Seinsabgründe liegen, um den Tiefsinnigsten zu befriedigen, daß in jeder Form, die fasziniert, genügend Substanz von Leidenschaft, Natur und tragischer Erfahrung leben. Überblicken Sie Ihren Weg: durch die Jahrtausende den religiösen Weg und den dichterisch-ästhetischen Weg: Die ganze Menschheit zehrt von einigen Selbstbegegnungen, aber wer begegnet sich selbst? Nur wenige und dann allein"

 

Gottfried Benn


 

"Wir haben an dieser stelle häufig dargetan dass der für den Schaffenden selbstverständliche leitspruch >die Kunst für die Kunst< auch vom Betrachtenden aus nicht etwa auf eine ausschliessliche übung in gewaltstückchen der werkstatt und in schmuckhaften wortmosaiken zweckte . was eine verkennung der mittel bewiese . sondern noch eine andere bedeutung in sich schloss. Diese äusserste sorge bei der feilung der gefüge . dieses ringen nach der höchsten formalen formalen vollendung im werke . diese liebe für das Runde1 . das in sich vollkommene . das nach allen seiten hin richtige . diese ablehnung des nur triebhaften skizzenhaften nicht-ganz-gekonnten . des halb überschüssigen halb unzulänglichen . das so lange ein fehler heimischer leistung war: diese liebe und ablehnung setzen mehr voraus als eine formel - nämlich eine geistige haltung ja eine lebensführung. Wenn eine ganze gruppe von deutschen menschen . ob auch in beschränkter zahl und auf beschränktem gebiet . jahrzehnte hindurch trotz aller anfeindungen und misskennungen in diesem sinne spricht und handelt . jahr höchstes bestreben sieht . so kann daraus für die gesamte bildung und für das gesamte leben mehr wirkung ausströmen als aus einer noch so staunenswerten sachlichen entdeckung oder einer neuen >weltanschauung<. "

1 Das oft dasselbe wie das >komische< ist.

 

Stefan George und Karl Wolfskehl


"Das Außerordentlichste sind jedenfalls die K ü n s t e, rätselhafter als die Wissenschaften; die drei bildenden Künste machen hier keinen Unterschied neben Poesie und Musik.
Alle fünf sind scheinbar entweder aus dem Kultus hervorgegangen oder auch in früher Zeit mit ihm verbunden gewesen, aber doch auch vor ihm und ohne ihn vorhanden ...
sie [die Künste] haben es n i c h t mit dem auch ohne sie Vorhandenen zu tun, auch keine Gesetze zu ermitteln (weil sie eben keine Wissenschaften sind), sondern ein höheres Leben darzustellen, welches ohne sie nicht vorhanden wäre.
Sie beruhen auf geheimnisvollen Schwingungen, in welche die Seele versetzt wird. Was sich durch diese Schwingungen entbindet, ist dann nicht mehr individuell und zeitlich, sondern sinnbildlich bedeutungsvoll und unvergänglich ... Aus Welt, Zeit und Natur sammeln Kunst und Poesie allgültige, allverständliche Bilder, die das einzig irdisch Bleibende sind, eine zweite ideale Schöpfung, der bestimmten einzelnen Zeitlichkeit enthoben, irdisch-unsterblich, eine Sprache für alle Nationen. Sie sind damit ein größter Exponent der betreffenden Zeitalter, so gut wie die Philosophie."

Jacob Burckhardt


"Es ist sehr gefährlich, sich deshalb für witzig und geistreich zu halten, weil man zuweilen ein treffendes Wort sagt, und vermag man wirklich in hellen Momenten witzig und geistreich zu sein, schon deshalb unbedingt an den innewohnenden Gott zu glauben, der das Lebendige schafft. Ein treffenden Wort ist noch kein witziger Einfall, ein witziger Einfall ist noch kein geistreicher Gedanke, ein geistreicher Gedanke ist noch kein Wort für die Welt. Aber jene Selbstmytifikation ist nur zu häufig und ihr - ja man möchte sagen, dem schimärischen Begattungstriebe ohne Zeugungskraft, verdanken wir die ästhetischen Kretins mit automatischer Bewegung ohne inneres Leben."

E. T. A. Hoffmann

 

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